Fortuna Düsseldorf ist am letzten Spieltag doch noch abgestiegen. Sportlich ist das ein Schock, wirtschaftlich eine Katastrophe. Was nur eine Platzierung in einer Tabelle ist, verändert für einen ganzen Club den Alltag und für viele Menschen deren Zukunft, lange bevor in ein paar Monaten der Ball dann in der 3. Liga wieder rollt.
Zwischen Theorie und Realität
In meinem letzten Beitrag habe ich darüber geschrieben, wie abhängig Jobs im Sport von Ergebnissen sind und wie schnell sich die Rahmenbedingungen ändern können. Und nun ist die Fortuna aus Düsseldorf ein Paradebeispiel dafür, wie ein solches Szenario konkret aussehen kann. Vor zwei Saisons in der Aufstiegsrelegation gegen den VfL Bochum einen Elfmeter von der Rückkehr in die Erstklassigkeit entfernt gewesen, heißt die Realität nun Liga 3. In diesen Zeitraum fallen verpasste Chancen, sportliche Fehlentwicklungen und Entscheidungen, deren Folgen jetzt deutlich härter ausfallen als nur ein Platz in der Tabelle.
Dass ein Abstieg weh tut, liegt auf der Hand. Aber was aktuell rund um die Fortuna diskutiert wird, geht weit über sportliche Enttäuschung hinaus. In Medienberichten ist von einem Sparkurs in einem Ausmaß die Rede, dass über die Hälfte aller Stellen über alle Abteilungen auf dem Prüfstand stehen sollen. Die Fernseheinnahmen sinken von 16 Millionen Euro auf sage und schreibe 1,39 Millionen Euro, Sponsorenpakete müssen neu bewertet werden und Budgets werden zusammengeschnitten. Für viele der Mitarbeitenden bei der Fortuna bedeutet das, dass sich ihre berufliche Zukunft von einem auf den anderen Moment verändern kann, obwohl sie nie gegen einen Ball getreten haben.
Wenn der Absturz mehrere Ebenen trifft
Wirtschaftlich ist der Schritt in die 3. Liga ein riesiger Einschnitt. Wie erwähnt fallen die TV-Gelder deutlich geringer aus, Vermarktungserlöse sind schwieriger zu planen und auch in Abteilungen wie dem Ticketing ändern sich die Perspektiven. Gleichzeitig wächst der Druck, Kosten zu senken. Es ist die Rede von „drastischen Sparmaßnahmen“. Das bedeutet, das eigentliche Vorzeige-Produkt „Fortuna für Alle“ wird in dieser Form in der kommenden Saison nicht zurückkehren. Zahlen von 60% aller Beschäftigten könnten entlassen werden stehen im Raum. Das zeigt das Spannungsfeld, das ich im Karriere-Beitrag beschrieben habe: Viele Jobs im Sport hängen an einer sportlichen Leistung, die man selbst nicht beeinflussen kann.
In solchen Phasen wird wenig überraschend schnell nach einem Sündenbock gesucht. Die beiden Architekten des Kaders, Klaus Allofs und Sven Mislintat, durften bereits ihren Hut nehmen. Ersterer in der Winterpause, Letzterer nach Abschluss der Saison. Dieser Kader war eigentlich mit dem Ziel Aufstieg zusammengestellt worden, konnte diese Erwartungen aber offensichtlich nicht erfüllen und nun muss der Verein den bitteren Gang in die Drittklassigkeit antreten. Dahinter steht aber nicht die eine falsche Entscheidung, die mal getroffen wurde, sondern eine Mischung aus sportlicher Entwicklung und strukturellen Faktoren, die zusammen nicht tragen konnten, was auf dem Papier geplant war.
Sportliche Ursachen als Teil der Geschichte
Sucht man nach den Gründen des sportlichen Zerfalls, fällt eines der größten Probleme recht schnell ins Auge. Eine Offensive, die über einen Saisonverlauf auf insgesamt 33 Tore kommt, ist für ein Team mit Aufstiegsambitionen schlicht und ergreifend zu wenig. Noch deutlicher wird es, wenn man sich die Verteilung dieser 33 Tore anschaut. Mittelstürmer Cedric Itten war demnach an 18 dieser 33 Tore direkt beteiligt (54%). Wenn ein Spieler in dieser Art so stark herausragt, wird die Abhängigkeit von ihm schnell gefährlich. Diese Abhängigkeit zeigte sich vor allem in den Spielen, in denen Itten nicht spielte. In den 4 Spielen, in denen Itten fehlte, schoss die Fortuna exakt 1 Tor und holte 1 Punkt (1:1 gegen den 1. FC Kaiserslautern).
Diese Konstellation erklärt natürlich nicht alles, aber sie zeigt, wie fehlerhaft man einen potenziellen Aufstiegskader aufstellen kann. Man kann nur hoffen, dass nicht dieselben Fehler beim Zusammenstellen des nächsten Kaders gemacht werden, eine Veränderung ist aber unvermeidlich. Das liegt vor allem an der Vertragssituation. Es heißt, dass nur eine einstellige Zahl an Spielern einen gültigen Vertrag für die 3. Liga besitzt. Man kann nun die Chance ergreifen und durch gute Scouting-Arbeit und erhöhter Fokus auf die Nachwuchsspieler einen fähigen Drittliga-Kader zu bauen, oder man lässt die bereits bestehende Unsicherheit walten.
Fallhöhe & Warnsignale
Die Fortuna steht damit an einem Punkt, an dem der zukünftige Weg in mehrere Richtungen führen kann. Positiv betrachtet könnte der direkte Wiederaufstieg in die 2. Liga das Ziel sein, an dem sich der Club ausrichtet. In der Praxis ist dies aber alles andere als garantiert. Die 3. Liga ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen, was Professionalität und Stabilität vieler Clubs angeht. Vereine wie Rostock, Regensburg oder Wiesbaden sind es gewohnt, zwischen Ligen zu pendeln oder sich in dieser Umgebung zu behaupten. Sie kennen Auf- und Abstiege und haben Strukturen, die auf solche Szenarien vorbereitet sind. Für Düsseldorf ist diese Situation gänzlich neu.
Gleichzeitig zeigen die Beispiele anderer Traditionsvereine, wohin der Weg führen kann, wenn die Entscheidungen nicht sitzen. 1860 München, der MSV Duisburg (mittlerweile wieder aufsteigend), der SSV Ulm oder auch die SG Wattenscheid 09 haben auf unterschiedlichste Weise erlebt, wie schwer es ist, nach einem Absturz in die 3. Liga oder tiefer wieder dauerhaft aufzustehen. In einigen Fällen folgte noch ein weiterer Abstieg, in anderen ein langsames Absinken in die Bedeutungslosigkeit, weil man zu lange in einer Liga festhing, für die weder die Finanzen noch die Strukturen aufgestellt waren. Düsseldorf ist nicht automatisch auf diesem Weg, aber die Fallhöhe ist immens und vergleichbar genug, um diese Beispiele als Warnsignale ernst zu nehmen.
Was nun übrig bleibt, ist ein Status Quo mit einer sehr geringen Fehlertoleranz. Sportlich müssen Entscheidungen sitzen, wirtschaftlich muss jeder Schritt doppelt und dreifach überlegt werden und gleichzeitig muss man auch wieder Positionen für Menschen schaffen, die nicht in den Statistiken auftauchen. Für mich ist das genau der Kern, warum dieser Fall so gut zu dem passt, was ich in meinem letzten Beitrag geschrieben habe. Ein Abstieg ist viel mehr als nur ein sportliches Ereignis. Er gleicht einer ganzen Zäsur für einen Club und für so viele, deren Arbeitsplatz daran hängt, ob ein Ball im Tor landet oder nur am Pfosten.


