NBA Europe: Das Nein der EuroLeague und der Preis der Zusammenarbeit

Stand: 29.10.2026

Ein neuer Wettbewerb, zusätzliche Investitionen und die Strahlkraft der NBA: Auf den ersten Blick klingt das nach einem Angebot, das Europas Basketball kaum ablehnen kann. Die Gesellschafter der EuroLeague haben es trotzdem getan. Anfang Oktober wiesen sie den Vorschlag für eine gemeinsame europäische Liga zurück. NBA und FIBA halten an ihren Plänen fest und streben weiterhin einen Start im Oktober 2027 an.

Gescheitert ist NBA Europe damit nicht. Die Absage zeigt vielmehr, dass ein gemeinsamer Wettbewerb mehr voraussetzt als die Aussicht auf höhere Einnahmen. Die etablierten Klubs müssten entscheiden, unter welchen Bedingungen sie sich beteiligen und welchen Einfluss sie dafür abgeben würden. Hinter dem abgelehnten Angebot steht deshalb eine größere Frage: Wer soll künftig über die Entwicklung des europäischen Basketballs bestimmen?

Ein Nein, das die Tür offen lässt

Bei ihrem Treffen am 6. Oktober in Cernobbio am Comer See lehnten die EuroLeague-Gesellschafter das vorliegende NBA-Angebot ab. Das war eine deutliche Entscheidung gegen die angebotenen Bedingungen, aber kein endgültiger Abschied von einer Zusammenarbeit. Barcelona bestätigte anschließend, dass ein überarbeiteter Vorschlag erneut geprüft werden könne. Auch NBA und FIBA erklärten, weiterhin eine gemeinsame Lösung anzustreben, ihr Projekt gegebenenfalls jedoch ohne die EuroLeague voranzutreiben.

Die Unterscheidung ist wichtig. Wer von einer „Absage an NBA Europe“ spricht, erweckt schnell den Eindruck, die neue Liga sei bereits vom Tisch. Tatsächlich laufen die Planungen weiter. NBA-Vizechef Mark Tatum bekräftigte am 20. Oktober den angestrebten Starttermin im Oktober 2027. Das bleibt ein Planungsziel und bedeutet noch nicht, dass Teilnehmer, Finanzierung und Organisation vollständig feststehen.

Die EuroLeague verhandelt dabei aus einer besonderen Position. Ihre 13 Gesellschafterklubs besitzen und steuern den Wettbewerb gemeinsam. Sie entscheiden also über die Zukunft einer Liga, an deren wirtschaftlichem Wert und strategischer Ausrichtung sie selbst beteiligt sind. Ein gemeinsames Modell mit der NBA wäre für sie deshalb weit mehr als der Wechsel in einen anderen Wettbewerb. Es berührt ihre Rolle als Eigentümer und Entscheidungsträger.

Mehr Geld – aber zu welchem Preis?

Die wirtschaftliche Argumentation der NBA ist zunächst nachvollziehbar: Europas Basketball soll mithilfe ihrer internationalen Plattform, zusätzlicher Investitionen und einer neuen Wettbewerbsorganisation stärker vermarktet werden. Tatum stellte einen schnelleren Weg zur Profitabilität sowie Ausschüttungen in Milliardenhöhe über das erste Jahrzehnt in Aussicht. Das sind weitreichende Versprechen, bislang allerdings Prognosen der NBA und keine gesicherten Einnahmen für die künftigen Teilnehmer.

Für einen Klub kann eine solche Perspektive attraktiv sein. Sie beantwortet aber noch nicht, welchen Preis er dafür zahlen müsste. Wie viel Einfluss bliebe den Vereinen auf die Entwicklung des Wettbewerbs? Wer würde über neue Teilnehmer, die Verteilung von Einnahmen und langfristige Investitionen entscheiden? Und wie würde der Wert dessen berücksichtigt, was die bestehenden Klubs bereits aufgebaut haben?

Die vollständigen Bedingungen des abgelehnten Angebots sind nicht öffentlich. Eine abschließende Bewertung des Geschäftsmodells wäre deshalb verfrüht. Die Kontrollfrage lässt sich dennoch erkennen: Der frühere EuroLeague-Geschäftsführer Jordi Bertomeu warnte im Reuters-Interview am 22. Oktober ausdrücklich davor, die bisherige Selbstbestimmung der Klubs aufzugeben.

NBA-Quellen hielten gegenüber Reuters dagegen, dass sämtliche Gesellschafterklubs an der Führung der neuen Liga beteiligt sein sollten. Welche Entscheidungsrechte damit konkret verbunden wären und wie sie sich von der heutigen EuroLeague-Struktur unterscheiden würden, bleibt angesichts der nicht veröffentlichten Bedingungen offen.

Auch die EuroLeague wirbt mit einer eigenen wirtschaftlichen Perspektive. Geschäftsführer Chus Bueno stellte einen Zehnjahresplan vor, nach dem die meisten Klubs innerhalb von fünf Jahren nachhaltig wirtschaften könnten. Für dieses Versprechen sollte derselbe Maßstab gelten wie für die Prognosen der NBA: Entscheidend wird sein, welche Annahmen dahinterstehen und ob sich die Ziele tatsächlich erreichen lassen.

Für mich liegt hier der Kern der Auseinandersetzung. Eine Zusammenarbeit muss den Vereinen mehr bieten als eine eindrucksvolle Einnahmeerwartung. Sie brauchen eine nachvollziehbare Vorstellung davon, welche Verantwortung und welche Gestaltungsmöglichkeiten sie in diesem Modell behalten.

Welches europäische Modell wird hier verteidigt?

Die Debatte lässt sich bequem als Gegensatz zwischen einer amerikanischen Geschäftsidee und der europäischen Sporttradition erzählen. Ganz so einfach ist es allerdings nicht.

NBA und FIBA verfolgen ein Modell, das dauerhafte Teilnehmer mit sportlichen Qualifikationsmöglichkeiten verbinden soll. Diskutiert wird eine Liga mit 16 Teams, wobei die genaue Ausgestaltung noch nicht abschließend feststeht. Die geplante NBA Europe wäre damit zumindest nach dem bisher beschriebenen Konzept kein vollständig geschlossener Wettbewerb ohne sportlichen Zugang.

Umgekehrt ist die EuroLeague selbst kein durchgehend offenes System, in dem sich alle Teilnehmer jede Saison über nationale Wettbewerbe qualifizieren müssen. Die besondere Stellung ihrer Gesellschafterklubs gehört bereits heute zur Struktur der Liga. Wer ihr Nein zum NBA-Angebot als Verteidigung eines uneingeschränkt offenen europäischen Sportmodells deutet, übersieht diese Realität.

Spannender ist deshalb die Frage, wie viel Zugang beide Modelle tatsächlich ermöglichen. Wie viele Plätze stehen über sportliche Leistung offen? Welche Perspektive hätten ambitionierte Vereine außerhalb des festen Teilnehmerkreises? Und wie eng wäre der Wettbewerb mit den nationalen Ligen verbunden? Solange diese Fragen nicht klar beantwortet sind, sagt das Etikett „leistungsbasiert“ wenig darüber aus, wie offen ein Wettbewerb insgesamt wäre.

Dabei sollten auch die Interessen sauber getrennt werden. Dass die EuroLeague-Klubs ihre Eigentümerposition schützen wollen, ist verständlich. Es bedeutet aber nicht automatisch, dass sie damit für den gesamten europäischen Basketball sprechen. Ebenso wenig garantiert die Bekanntheit der NBA, dass ihr Modell auch jenen Vereinen bessere Perspektiven eröffnet, die nicht zu den attraktiven Startstandorten gehören.

Gemeinsam wachsen oder um denselben Markt kämpfen?

Nach der Absage bleiben zwei grundsätzliche Wege offen. Die Beteiligten könnten sich auf veränderte Bedingungen einigen und einen gemeinsamen Wettbewerb entwickeln. Ebenso könnte die NBA ihre Pläne ohne die EuroLeague umsetzen. Die Gesprächsbereitschaft besteht weiter, zugleich hält die NBA ausdrücklich an einem eigenständigen Vorgehen fest.

Ein Nebeneinander würde neue Fragen aufwerfen. Welche Klubs und Spieler würden in welchem Wettbewerb antreten? Wie würden sich Medieninteresse und Sponsorenbudgets verteilen? Und welcher Wettbewerb hätte für Fans den höchsten sportlichen Stellenwert? EuroLeague-Geschäftsführer Bueno hat bereits vor einer Fragmentierung des Marktes gewarnt. Diese Warnung kommt von einem unmittelbar Beteiligten, beschreibt aber ein Risiko, das bei der Bewertung zusätzlicher Investitionen berücksichtigt werden sollte.

Aus meiner Sicht wäre es zu kurz gedacht, den Einstieg der NBA grundsätzlich abzulehnen. Zusätzliche Mittel und internationale Aufmerksamkeit können Chancen schaffen. Ebenso wenig sollte die Aussicht darauf ausreichen, um gewachsene Strukturen ohne genaue Prüfung zur Disposition zu stellen. Ein überzeugendes Modell müsste erklären, wie wirtschaftliches Wachstum, Mitsprache der Vereine und sportliche Entwicklung zusammenpassen.

Das Nein von Cernobbio ist deshalb noch kein Urteil über die Zukunft von NBA Europe. Es zeigt zunächst, dass die angebotenen Bedingungen für die EuroLeague-Gesellschafter nicht ausgereicht haben. Ob daraus ein besseres gemeinsames Modell oder ein neuer Konkurrenzkampf entsteht, bleibt offen.

Die entscheidende Frage reicht ohnehin über die Verhandlungspartner hinaus: Wird Europas Basketball durch das, was hier entsteht, auf eine breitere Grundlage gestellt – oder werden Einfluss und Einnahmen vor allem innerhalb eines kleinen Kreises neu verteilt? Daran sollte sich das nächste Angebot messen lassen.

Quellen:

Associated Press, 8. Oktober 2026: NBA und FIBA halten nach der EuroLeague-Absage an ihren Europaplänen fest

Associated Press, 20. Oktober 2026: Mark Tatum über Investitionen, Einnahmeerwartungen und den geplanten Ligastart

Reuters, 22. Oktober 2026: Jordi Bertomeu warnt vor einem Kontrollverlust der europäischen Klubs

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