Zugegeben, der Vergleich hinkt nicht nur, er sitzt im Rollstuhl. Genauso daneben ging meine These in meinem letzten Beitrag, dass die FIFA und ihr Präsident Gianni Infantino nicht verlieren können, egal was sie anstellen. Wie schnell man sich täuschen kann. Denn was sich in den vergangenen Tagen abspielte, war nichts Geringeres als der größte Rückschlag, den Infantino in seiner gesamten Amtszeit erlebt hat – und er hat ihn sich selbst zuzuschreiben.
Was war überhaupt sein Plan?
Um zu verstehen, warum diese Geschichte so brisant ist, muss man erst einmal erklären, was Infantino da eigentlich vorhatte. Am 28. Juli verkündete die FIFA offiziell die Gründung einer neuen kommerziellen Tochtergesellschaft namens FIFA Forward Enterprise, kurz FFE. In dieser Gesellschaft sollten sämtliche kommerziellen Aktivitäten des Weltverbands gebündelt werden: Übertragungsrechte, Sponsoring, Ticketing und Lizenzgeschäfte für die Männer- und Frauen-Weltmeisterschaften sowie die Klub-Weltmeisterschaft.
Das eigentlich Brisante daran: Die FIFA wollte bis zu 20 Prozent dieser neuen Gesellschaft an private, externe Investoren verkaufen. Insgesamt sollte das FFE mit 20 Milliarden Dollar bewertet werden, wobei die FIFA durch den Verkauf der Anteile 4,2 Milliarden Dollar frisches Kapital einsammeln wollte. Angeführt werden sollte diese Investorengruppe von Thrive Eternal, einem Investmentvehikel von Joshua Kushner, seines Zeichens Bruder von Jared Kushner, Donald Trumps Schwiegersohn.
Als Gegenleistung versprach Infantino den 211 Mitgliedsverbänden der FIFA eine deutliche Erhöhung ihrer Fördermittel: Statt bisher acht Millionen Dollar pro Vierjahreszyklus sollten es künftig 20 Millionen Dollar werden, steigend auf bis zu 24 Millionen Dollar in den Zyklen bis 2038. Wer bis zum 19. September zustimmte, sollte zusätzlich sofort 40 Millionen Dollar als eine Art Antrittsprämie erhalten. Ein Plan, über den außer Infantino selbst und den bereits handverlesenen Investoren offenbar niemand Bescheid wusste, bis der Chefsportreporter der britischen Zeitung The Times, Martyn Ziegler, die Pläne öffentlich machte. Man wollte den Fußball, ganz offen gesagt, endgültig verkaufen.
Ein Zusammenhalt, den es so noch nie gab
So einen Schulterschluss der Fußballwelt hat man zuletzt bei den Plänen der European Super League gesehen, und man dachte damals, man hätte das Schlimmste überstanden. Bis vor wenigen Tagen. Es dauerte keine 24 Stunden, bis die UEFA reagierte: In einer offiziellen Erklärung kündigte der europäische Verband an, dass alle 55 Mitgliedsverbände sämtliche FIFA-Turniere boykottieren würden, sollte der Plan tatsächlich umgesetzt werden. „Die Weltmeisterschaft sollte niemals als finanzielles Anlageobjekt betrachtet werden”, hieß es in der UEFA-Stellungnahme. Einen Satz, der so klar und geschlossen formuliert war, hat man von diesem Verband bisher selten gehört.
Einen solchen Zusammenhalt hat es im europäischen, vermutlich sogar im gesamten Weltfußball noch nie gegeben. Warum genau diese Entschlossenheit bei der WM in Katar gefehlt hat, steht auf einem anderen Blatt und hat mit diesem Thema wenig zu tun – aber man stelle sich einmal ernsthaft vor, wie eine Weltmeisterschaft ohne europäische Beteiligung aussehen würde. Von den vier Halbfinalisten der gerade zu Ende gegangenen WM 2026 kamen drei aus Europa, von den acht Viertelfinalisten sechs. Eine WM ohne Europa wäre für die halbe Fußballwelt schlicht uninteressant, die TV-Sender würden drastisch weniger zahlen, Werbedeals sprechen einen Großteil der Zuschauer nicht mehr an. Kurz gesagt: die FIFA würde Milliarden verlieren. Der drohende Kollaps war real.
Noch brenzliger wurde es für Infantino, als sich mit der CONCACAF und der AFC die Kontinentalverbände Nordamerikas sowie Asiens der UEFA anschlossen und ebenfalls klarmachten, dass sie den Plan nicht mittragen würden. Spätestens an diesem Punkt war klar: Ohne die nötige Mehrheit von über 106 der 211 Stimmen würde dieser Plan niemals durchkommen.
Der eigentliche Grund für den Rückzieher
Am Freitagabend, dem 31. Juli, verkündete Infantino schließlich, dass das Projekt nicht weiterverfolgt werde. Man habe alle Meinungen sorgfältig angehört, und es sei klar geworden, dass das Projekt Spaltungen hervorgerufen habe, die dem eigentlichen Ziel nicht mehr dienten, so seine offizielle Begründung.
Gerüchten zufolge, und diese Gerüchte klingen deutlich glaubwürdiger als Infantinos offizielle Erklärung, lag der wahre Grund aber woanders. Kurz vor der offiziellen Absage berichtete die New York Post, dass Joshua Kushner sich zurückgezogen habe, weil das Projekt für sein Unternehmen zu einem regelrechten Reputationsalbtraum geworden war. Mit dem Rückzug der Kushner-Investorengruppe fehlte dem gesamten Plan sein wichtigstes finanzielles Fundament.
Und dann kam in der Nacht auf den 01. August noch die Information, die dem gesamten Vorgang eine völlig neue, noch bitterere Note verleiht. Martyn Ziegler von The Times, der die gesamte Geschichte von Anfang an aufgedeckt hatte, berichtete unter Berufung auf Whistleblower, dass Infantino für seine Rolle an der Spitze der neuen Gesellschaft ein Gehalt von 30 Millionen Dollar plus Boni angepeilt hatte. Das ist bemerkenswert, weil Infantino öffentlich stets betont hatte, dass er sich durch das Projekt persönlich nicht bereichern würde. Diese Behauptung erfährt durch Zieglers Quellen nun das genaue Gegenteil. Zur Einordnung: Infantinos regulärer Verdienst als FIFA-Präsident lag 2025 bei rund 6 Millionen Dollar. Mit dem FFE hätte sich diese Summe also mehr als verfünffacht.
Nicht Einsicht hat Infantino zum Umdenken bewegt, sondern eine Kombination aus dem Rückzug seines wichtigsten Geldgebers und der Angst vor noch mehr Enthüllungen dieser Art, die das Projekt endgültig unhaltbar gemacht hätten. Verschärft wurde die Lage zusätzlich dadurch, dass sich mehrere FIFA-Sponsoren in den vergangenen Tagen alarmiert bei der Organisation gemeldet haben sollen. Sie sollen besorgt darüber sein, wie sich die jüngsten Ereignisse rund um Infantino und andere FIFA-Funktionäre auf das eigene Markenimage auswirken könnten. Wenn selbst die Geldgeber, die eigentlich am meisten von der globalen Reichweite der FIFA profitieren, öffentlich Distanz suchen, weiß man, wie tief der Schaden inzwischen sitzt.
Ist Infantino nach dieser Nummer überhaupt noch tragbar?
Man muss das einmal so hart formulieren, wie es ist: Wer es schafft, dass ausgerechnet Sepp Blatter im Vergleich wie ein Samariter wirkt, hat den Job als FIFA-Präsident eigentlich nicht mehr verdient. Blatter stand für Korruption, Vetternwirtschaft und Skandale, aber selbst er hätte es sich vermutlich zweimal überlegt, den Fußball derart offen und ohne jede Rücksprache mit seinen eigenen Mitgliedsverbänden an eine Investorengruppe zu verkaufen, die ausgerechnet mit der Familie des amtierenden US-Präsidenten verbunden ist, während er selbst sich dabei ein Gehalt sichern wollte, das seine bisherigen Bezüge um ein Vielfaches übersteigt.
Wie tief das Vertrauen inzwischen zerstört ist, zeigt die eigene Stellungnahme der UEFA, die es an Deutlichkeit kaum zu überbieten gibt: Man habe das Vertrauen in Infantino und die FIFA verloren, hieß es dort wörtlich. Die UEFA erinnerte dabei gezielt an zwei zentrale Versprechen, mit denen Infantino 2016 erstmals für das Präsidentenamt angetreten war: „Wir müssen transparent sein” und „Das Geld der FIFA ist euer Geld, und nicht das des FIFA-Präsidenten”. Beide Versprechen, so die UEFA, habe Infantino nicht eingehalten. Der „schäbige, im Hinterzimmer ausgeheckte, undurchsichtige Deal”, den er habe durchsetzen wollen, sei alles andere als transparent gewesen – und angesichts von FIFA-Reserven von über 5 Milliarden Dollar habe er es zudem versäumt, das Geld der Verbände tatsächlich zum Nutzen des Sports einzusetzen. Das ist keine gewöhnliche Kritik mehr, wie man sie zwischen Verbandsfunktionären gelegentlich austauscht. Das ist eine öffentliche Abrechnung mit der Grundlage, auf der Infantino sein gesamtes Amt aufgebaut hat.
Und dennoch: Infantino wird bei der Präsidentschaftswahl im März 2027 in Rabat aller Voraussicht nach trotzdem wiedergewählt werden. Er hat die Unterstützung zahlreicher afrikanischer, asiatischer und südamerikanischer Verbände sicher, und es gibt schlicht keinen ernstzunehmenden Gegenkandidaten. Das lose Gerücht, dass die UEFA großes Interesse an PSG-Boss Nasser Al-Khelaifi als möglichem FIFA-Präsidenten hätte, hielt sich keine fünf Minuten. Ein Sprecher des Katarers ließ verlauten, Al-Khelaifi habe „absolut keine Ambition, keine Absicht und kein Interesse” an dem Amt. Damit bleibt Infantino faktisch konkurrenzlos, ganz egal, wie sehr sein Ansehen durch diese Episode gelitten hat und ganz egal, wie offen selbst seine engsten Partner ihm inzwischen das Vertrauen entziehen.
Ein Schatten, der bleiben wird
Dieser „schäbige Plan”, wie ihn die UEFA in ihrer offiziellen Stellungnahme nannte, wird trotz seines Scheiterns wie ein dunkler Schatten über Infantinos Büro in Zürich hängen bleiben und seine – leider vor allem wirtschaftlich betrachtet sehr erfolgreiche – Amtszeit nachhaltig trüben. Man kann ihm die gestiegenen Einnahmen und die gewachsene globale Reichweite des Weltfußballs unter seiner Führung nicht absprechen. Aber man wird ihm auch nicht mehr absprechen können, dass er bereit war, das wertvollste Kulturgut des Fußballs im Stillen und ohne Rücksprache an eine Investorengruppe zu verkaufen, die zufällig mit dem Schwiegersohn des amerikanischen Präsidenten verbunden ist.
Aber er wäre ja nicht Gianni, wenn er nicht noch ein Ass im Ärmel hätte.







