Kategorie: Sportbusiness

Strukturen in Clubs, Sponsoring, B2B, Vermarktung, Events – Das System Sport abseits des Spielfelds

  • Niemand hat die Absicht, den Fußball zu verkaufen – irgendwoher kennen wir das doch?

    Niemand hat die Absicht, den Fußball zu verkaufen – irgendwoher kennen wir das doch?

    Zugegeben, der Vergleich hinkt nicht nur, er sitzt im Rollstuhl. Genauso daneben ging meine These in meinem letzten Beitrag, dass die FIFA und ihr Präsident Gianni Infantino nicht verlieren können, egal was sie anstellen. Wie schnell man sich täuschen kann. Denn was sich in den vergangenen Tagen abspielte, war nichts Geringeres als der größte Rückschlag, den Infantino in seiner gesamten Amtszeit erlebt hat – und er hat ihn sich selbst zuzuschreiben.

    Was war überhaupt sein Plan?

    Um zu verstehen, warum diese Geschichte so brisant ist, muss man erst einmal erklären, was Infantino da eigentlich vorhatte. Am 28. Juli verkündete die FIFA offiziell die Gründung einer neuen kommerziellen Tochtergesellschaft namens FIFA Forward Enterprise, kurz FFE. In dieser Gesellschaft sollten sämtliche kommerziellen Aktivitäten des Weltverbands gebündelt werden: Übertragungsrechte, Sponsoring, Ticketing und Lizenzgeschäfte für die Männer- und Frauen-Weltmeisterschaften sowie die Klub-Weltmeisterschaft.

    Das eigentlich Brisante daran: Die FIFA wollte bis zu 20 Prozent dieser neuen Gesellschaft an private, externe Investoren verkaufen. Insgesamt sollte das FFE mit 20 Milliarden Dollar bewertet werden, wobei die FIFA durch den Verkauf der Anteile 4,2 Milliarden Dollar frisches Kapital einsammeln wollte. Angeführt werden sollte diese Investorengruppe von Thrive Eternal, einem Investmentvehikel von Joshua Kushner, seines Zeichens Bruder von Jared Kushner, Donald Trumps Schwiegersohn.

    Als Gegenleistung versprach Infantino den 211 Mitgliedsverbänden der FIFA eine deutliche Erhöhung ihrer Fördermittel: Statt bisher acht Millionen Dollar pro Vierjahreszyklus sollten es künftig 20 Millionen Dollar werden, steigend auf bis zu 24 Millionen Dollar in den Zyklen bis 2038. Wer bis zum 19. September zustimmte, sollte zusätzlich sofort 40 Millionen Dollar als eine Art Antrittsprämie erhalten. Ein Plan, über den außer Infantino selbst und den bereits handverlesenen Investoren offenbar niemand Bescheid wusste, bis der Chefsportreporter der britischen Zeitung The Times, Martyn Ziegler, die Pläne öffentlich machte. Man wollte den Fußball, ganz offen gesagt, endgültig verkaufen.

    Ein Zusammenhalt, den es so noch nie gab

    So einen Schulterschluss der Fußballwelt hat man zuletzt bei den Plänen der European Super League gesehen, und man dachte damals, man hätte das Schlimmste überstanden. Bis vor wenigen Tagen. Es dauerte keine 24 Stunden, bis die UEFA reagierte: In einer offiziellen Erklärung kündigte der europäische Verband an, dass alle 55 Mitgliedsverbände sämtliche FIFA-Turniere boykottieren würden, sollte der Plan tatsächlich umgesetzt werden. „Die Weltmeisterschaft sollte niemals als finanzielles Anlageobjekt betrachtet werden”, hieß es in der UEFA-Stellungnahme. Einen Satz, der so klar und geschlossen formuliert war, hat man von diesem Verband bisher selten gehört.

    Einen solchen Zusammenhalt hat es im europäischen, vermutlich sogar im gesamten Weltfußball noch nie gegeben. Warum genau diese Entschlossenheit bei der WM in Katar gefehlt hat, steht auf einem anderen Blatt und hat mit diesem Thema wenig zu tun – aber man stelle sich einmal ernsthaft vor, wie eine Weltmeisterschaft ohne europäische Beteiligung aussehen würde. Von den vier Halbfinalisten der gerade zu Ende gegangenen WM 2026 kamen drei aus Europa, von den acht Viertelfinalisten sechs. Eine WM ohne Europa wäre für die halbe Fußballwelt schlicht uninteressant, die TV-Sender würden drastisch weniger zahlen, Werbedeals sprechen einen Großteil der Zuschauer nicht mehr an. Kurz gesagt: die FIFA würde Milliarden verlieren. Der drohende Kollaps war real.

    Noch brenzliger wurde es für Infantino, als sich mit der CONCACAF und der AFC die Kontinentalverbände Nordamerikas sowie Asiens der UEFA anschlossen und ebenfalls klarmachten, dass sie den Plan nicht mittragen würden. Spätestens an diesem Punkt war klar: Ohne die nötige Mehrheit von über 106 der 211 Stimmen würde dieser Plan niemals durchkommen.

    Der eigentliche Grund für den Rückzieher

    Am Freitagabend, dem 31. Juli, verkündete Infantino schließlich, dass das Projekt nicht weiterverfolgt werde. Man habe alle Meinungen sorgfältig angehört, und es sei klar geworden, dass das Projekt Spaltungen hervorgerufen habe, die dem eigentlichen Ziel nicht mehr dienten, so seine offizielle Begründung.

    Gerüchten zufolge, und diese Gerüchte klingen deutlich glaubwürdiger als Infantinos offizielle Erklärung, lag der wahre Grund aber woanders. Kurz vor der offiziellen Absage berichtete die New York Post, dass Joshua Kushner sich zurückgezogen habe, weil das Projekt für sein Unternehmen zu einem regelrechten Reputationsalbtraum geworden war. Mit dem Rückzug der Kushner-Investorengruppe fehlte dem gesamten Plan sein wichtigstes finanzielles Fundament.

    Und dann kam in der Nacht auf den 01. August noch die Information, die dem gesamten Vorgang eine völlig neue, noch bitterere Note verleiht. Martyn Ziegler von The Times, der die gesamte Geschichte von Anfang an aufgedeckt hatte, berichtete unter Berufung auf Whistleblower, dass Infantino für seine Rolle an der Spitze der neuen Gesellschaft ein Gehalt von 30 Millionen Dollar plus Boni angepeilt hatte. Das ist bemerkenswert, weil Infantino öffentlich stets betont hatte, dass er sich durch das Projekt persönlich nicht bereichern würde. Diese Behauptung erfährt durch Zieglers Quellen nun das genaue Gegenteil. Zur Einordnung: Infantinos regulärer Verdienst als FIFA-Präsident lag 2025 bei rund 6 Millionen Dollar. Mit dem FFE hätte sich diese Summe also mehr als verfünffacht.

    Nicht Einsicht hat Infantino zum Umdenken bewegt, sondern eine Kombination aus dem Rückzug seines wichtigsten Geldgebers und der Angst vor noch mehr Enthüllungen dieser Art, die das Projekt endgültig unhaltbar gemacht hätten. Verschärft wurde die Lage zusätzlich dadurch, dass sich mehrere FIFA-Sponsoren in den vergangenen Tagen alarmiert bei der Organisation gemeldet haben sollen. Sie sollen besorgt darüber sein, wie sich die jüngsten Ereignisse rund um Infantino und andere FIFA-Funktionäre auf das eigene Markenimage auswirken könnten. Wenn selbst die Geldgeber, die eigentlich am meisten von der globalen Reichweite der FIFA profitieren, öffentlich Distanz suchen, weiß man, wie tief der Schaden inzwischen sitzt.

    Ist Infantino nach dieser Nummer überhaupt noch tragbar?

    Man muss das einmal so hart formulieren, wie es ist: Wer es schafft, dass ausgerechnet Sepp Blatter im Vergleich wie ein Samariter wirkt, hat den Job als FIFA-Präsident eigentlich nicht mehr verdient. Blatter stand für Korruption, Vetternwirtschaft und Skandale, aber selbst er hätte es sich vermutlich zweimal überlegt, den Fußball derart offen und ohne jede Rücksprache mit seinen eigenen Mitgliedsverbänden an eine Investorengruppe zu verkaufen, die ausgerechnet mit der Familie des amtierenden US-Präsidenten verbunden ist, während er selbst sich dabei ein Gehalt sichern wollte, das seine bisherigen Bezüge um ein Vielfaches übersteigt.

    Wie tief das Vertrauen inzwischen zerstört ist, zeigt die eigene Stellungnahme der UEFA, die es an Deutlichkeit kaum zu überbieten gibt: Man habe das Vertrauen in Infantino und die FIFA verloren, hieß es dort wörtlich. Die UEFA erinnerte dabei gezielt an zwei zentrale Versprechen, mit denen Infantino 2016 erstmals für das Präsidentenamt angetreten war: „Wir müssen transparent sein” und „Das Geld der FIFA ist euer Geld, und nicht das des FIFA-Präsidenten”. Beide Versprechen, so die UEFA, habe Infantino nicht eingehalten. Der „schäbige, im Hinterzimmer ausgeheckte, undurchsichtige Deal”, den er habe durchsetzen wollen, sei alles andere als transparent gewesen – und angesichts von FIFA-Reserven von über 5 Milliarden Dollar habe er es zudem versäumt, das Geld der Verbände tatsächlich zum Nutzen des Sports einzusetzen. Das ist keine gewöhnliche Kritik mehr, wie man sie zwischen Verbandsfunktionären gelegentlich austauscht. Das ist eine öffentliche Abrechnung mit der Grundlage, auf der Infantino sein gesamtes Amt aufgebaut hat.

    Und dennoch: Infantino wird bei der Präsidentschaftswahl im März 2027 in Rabat aller Voraussicht nach trotzdem wiedergewählt werden. Er hat die Unterstützung zahlreicher afrikanischer, asiatischer und südamerikanischer Verbände sicher, und es gibt schlicht keinen ernstzunehmenden Gegenkandidaten. Das lose Gerücht, dass die UEFA großes Interesse an PSG-Boss Nasser Al-Khelaifi als möglichem FIFA-Präsidenten hätte, hielt sich keine fünf Minuten. Ein Sprecher des Katarers ließ verlauten, Al-Khelaifi habe „absolut keine Ambition, keine Absicht und kein Interesse” an dem Amt. Damit bleibt Infantino faktisch konkurrenzlos, ganz egal, wie sehr sein Ansehen durch diese Episode gelitten hat und ganz egal, wie offen selbst seine engsten Partner ihm inzwischen das Vertrauen entziehen.

    Ein Schatten, der bleiben wird

    Dieser „schäbige Plan”, wie ihn die UEFA in ihrer offiziellen Stellungnahme nannte, wird trotz seines Scheiterns wie ein dunkler Schatten über Infantinos Büro in Zürich hängen bleiben und seine – leider vor allem wirtschaftlich betrachtet sehr erfolgreiche – Amtszeit nachhaltig trüben. Man kann ihm die gestiegenen Einnahmen und die gewachsene globale Reichweite des Weltfußballs unter seiner Führung nicht absprechen. Aber man wird ihm auch nicht mehr absprechen können, dass er bereit war, das wertvollste Kulturgut des Fußballs im Stillen und ohne Rücksprache an eine Investorengruppe zu verkaufen, die zufällig mit dem Schwiegersohn des amerikanischen Präsidenten verbunden ist.

    Aber er wäre ja nicht Gianni, wenn er nicht noch ein Ass im Ärmel hätte.

  • Drei Deutsche, eine Nacht, ein Zeichen: Was das NBA Draft 2026 über den deutschen Basketball aussagt

    Drei Deutsche, eine Nacht, ein Zeichen: Was das NBA Draft 2026 über den deutschen Basketball aussagt

    Es gibt Momente im Sport, die man erst im Nachhinein richtig einordnen kann, und die Nacht vom 23. auf den 24. Juni im Barclays Center in Brooklyn, New York könnte einer davon sein. Mit Hannes Steinbach, Christian Anderson Jr. und Jack Kayil wurden gleich drei deutsche Basketballer im selben Jahr gedraftet. Zwei davon in der ersten Runde, beide vom selben Team. Die Zahl der deutschen NBA-Spieler stieg somit auf insgesamt 21.
    Der folgende Beitrag handelt aber weniger vom Draft selbst. Er handelt davon, wie ein Land, das Basketball lange als Randsportart behandelt hat, still und leise zur ernstzunehmenden Basketballnation geworden ist – und was noch fehlt, um dieses Bild zu vervollständigen.

    Von Randnotizen zu Regelmäßigkeiten

    Um zu verstehen, warum diese Nacht so bedeutsam ist, muss man zurückgehen. 41 Jahre um genau zu sein. 1985 wurden Detlef Schrempf und Uwe Blab in derselben Draft Night gepickt. Das war damals nicht mehr als ein Zufall und hat in Deutschland wahrscheinlich nur die absoluten Sportnerds und Basketball-Cracks interessiert. Dieser „Zufall“ wirkt rückwirkend aber eher wie ein statistischer Ausreißer als der Beginn einer Entwicklung.
    Schrempf entwickelte sich tatsächlich zu einem echten NBA-Starter, dem allerersten europäischen All-Star (insgesamt 3x) und zweimaligem Sixth Man of the Year (bester Einwechselspieler). Uwe Blab blieb gleichzeitig nur eine fünfjährige NBA-Karriere vergönnt, bevor er nach Europa zurückkehrte. Den Titel des ikonischeren Spitznamen nahm er aber mit, wegen seiner roten Haare und schwindelerregenden Größe von 2,16m wurde er zum „Burning Skyscraper“ ernannt.

    Nach diesen beiden Pionieren folgte aber fast ein ganzes Jahrzehnt Stille, bis 1993 ein gewisser Shawn Bradley bereits an zweiter Stelle von den Dallas Mavericks gedraftet wurde. Streng genommen hatte Bradley wenig mit Deutschland zu tun, da seine Eltern beide Amerikaner waren und er auf der Militärstation in Landstuhl geboren wurde und nur dadurch die deutsche Staatsbürgerschaft bekam. Da er aber für die deutsche Nationalmannschaft auflief, zählt er offiziell in die Statistik mit ein. Obwohl er mit 2,29m nochmal 13cm größer als Blab ist und damit zu den größten NBA-Spielern aller Zeiten gehört, hatte man sich bei der Suche nach seinem Spitznamen nur auf seinen religiösen Hintergrund beschränkt: „The Stormin‘ Mormon“ entstand durch seine Kindheit im Bundesstaat Utah und weil er seine Nachwuchskarriere für eine zweijährige Missionierung unterbrach. So viel zu den Nebensächlichkeiten.

    1998 kam dann der Moment, der deutschen Basketball für immer verändern sollte: Dirk Nowitzki wurde an Nummer 9 von den Milwaukee Bucks gedraftet und weitergegeben an die Dallas Mavericks, so wie wir ihn alle kennen.
    Nowitzki muss ich an dieser Stelle nicht noch einmal ausführlich würdigen. Aber eine Erwähnung ist natürlich Pflicht. Ohne seine 21 Jahre Beständigkeit in der NBA, ohne seinen MVP-Titel 2007, ohne die Championship 2011 gäbe es keine Schröder-Generation, keine Wagner-Brüder und keinen Draft 2026 mit drei Deutschen. Denn er hat als Erster den Beweis erbracht, dass deutsches Basketballtalent nicht nur in Nebenrollen NBA-tauglich ist und alles danach auf diesem Beweis aufbaut.

    Dennoch folgte nach Dirk erneut eine lange Pause. Erst 2010 tauchte mit Tibor Pleiß wieder ein Deutscher im Draft auf. Zwar nahm seine NBA-Karriere nie wirklich Fahrt auf, dennoch markierte sein Pick einen Wendepunkt. Ab 2012 begann etwas, das man heute als System erkennen kann – und der Graph, der diese Entwicklung visualisiert, erzählt eine Geschichte, die für sich spricht.

    Was der Graph auf einen Blick zeigt, ist das, was sich in Zahlen nur schwer ausdrücken lässt: wie lange nichts passierte, und wie schnell sich das dann änderte. Zwischen Schrempf und Blab 1985 und dem nächsten deutschen Pick lagen 2 Jahre, zwischen Bradley und Nowitzki 5, und zwischen Nowitzki und Pleiß ganze 12 Jahre, in denen kein einziger Deutscher im Draft auftauchte. Das war allerdings keine unglückliche Pechsträhne, sondern totaler Normalzustand. Ab 2013 verändert sich das Bild dann aber grundlegend, die Lücken zwischen deutschen Draft-Picks werden kürzer, die Häufung nimmt zu und 2017 landen zum ersten Mal 3 Deutsche in derselben Draft-Klasse, wovon aber nur Isaiah Hartenstein am Ende gedraftet wurde. Und nun werden 2026 sogar alle drei tatsächlich gedraftet. Der große Unterschied zwischen diesen beiden Drafts liegt aber vor allem im Kontext dahinter. Während 2017 die drei Deutschen noch mit sehr unterschiedlichen Karriereperspektiven zum Draft kamen, kommen Steinbach, Anderson und Kayil aus einem eigens entwickelten System, dessen Ursprünge ich in den folgenden Abschnitten erkläre.

    2013: Die eigentliche Initialzündung

    Dennis Schröder wurde 2013 von den Atlanta Hawks an Position 17 gedraftet und entwickelte sich in den Folgejahren zu einem der verlässlichsten Point Guards der Liga. Nie als überstrahlender Superstar, mittlerweile auch eher als unfreiwilliger Wandervogel bekannt, aber immer als jemand, der über mehr als ein Jahrzehnt konstant wichtige NBA-Minuten bekam, sich in verschiedenen Systemen und Teams behauptete und dabei immer wieder bewies, dass sein Weg kein Zufall war. Was er damit für den deutschen Basketball leistete, geht weit über seine eigene Karriere hinaus, weil er einer ganzen Generation junger Deutscher zeigte, dass der Weg in die NBA planbar ist, wenn man bereit ist, ihn konsequent zu gehen. Seitdem gab es kaum einen Draft, ohne einen deutschen Namen auf der Liste, und das diesmal auch keine Glückssträhne, sondern das sichtbare Ergebnis einer Entwicklung, die 1998 mit Nowitzki begann und 2013 mit Schröder die entscheidende zweite Stufe zündete.

    WM 2023: Der Moment, der alles beschleunigt hat

    Wenn man aus der ganzen Entwicklung einen einzelnen Moment benennen müsste, der den deutschen Basketball international neu positioniert hat, dann war es kein Draft-Pick oder Vertragsabschluss, sondern der 10. September 2023 in Manila, als Deutschland Basketballweltmeister wurde, Serbien, allerdings ohne Superstar Nikola Jokic, besiegte und Dennis Schröder zum Turnier-MVP gekrönt wurde. Was dieser Titel für die internationale Wahrnehmung bedeutete, lässt sich aus deutscher Sicht kaum überschätzen, denn internationale Scouts, die deutsche Spieler bis dahin vielleicht nur seitwärts wahrnahmen, schauten nun genauer hin. Die Kombination aus Franz und Moritz Wagner, Schröder und einer Mannschaftstiefe, die niemand erwartet hatte, sendete ein klares Signal: Deutschland produziert nicht nur vereinzelte NBA-taugliche Spieler, sondern eine Mannschaft, die auf höchstem internationalen Niveau bestehen kann. Für unsere Talente Steinbach, Anderson und Kayil war dieser Moment sehr wahrscheinlich ein persönlicher Karrierebeschleuniger, weil man plötzlich in einem Land spielte, dessen Basketballtrikot plötzlich international Gewicht hatte.

    Hannes Steinbach – der Dirk’sche Weg aus Würzburg

    Steinbachs Geschichte ist in gewisser Weise die klassischste der drei, weil sie zeigt, wie ein Talent, das auf dem richtigen Fundament aufbaut, Schritt für Schritt durch alle richtigen Türen geht. Und das liegt nicht nur daran, dass er wie Dirk Nowitzki aus Würzburg stammt. Er durchlief das Nachwuchsprogramm der Würzburg Baskets und zeigte in der NBBL (U19-Bundesliga) mit 23 Punkten, 13,6 Rebounds und 1,7 Blocks pro Spiel früh, dass er in seiner Altersklasse einfach in einer anderen Dimension spielte. Mit 18 Jahren rückte er bereits in den Profikader auf und lieferte in der BBL seine ersten Minuten.

    Den entscheidenden Schritt machte er im Sommer 2024, als er zur University of Washington wechselte und dort in seiner ersten und einzigen College-Saison sofort alles richtig machte. In 30 Spielen, alle als Starter, legte er 18,5 Punkte und 11,8 Rebounds bei einer Feldwurfquote von 57,7% auf. Er führte die gesamte NCAA in Rebounds an und verbuchte ligaweit die meisten Double-Doubles (zweistellig in zwei Statistiken, hier: Punkte & Rebounds) mit 22 an der Zahl. Diese Zahlen untermauern, warum Steinbach ein „One-and-Done“-Spieler ist (Talente, die nach nur einer Saison am College in die NBA gehen).

    International hatte er dieses Potenzial längst angedeutet: Bei der U18-EM 2024 legte er 15,4 Punkte und 12,7 Rebounds auf und bei der U19-WM 2025 in der Schweiz war er mit 17,4 Punkten und 13 Rebounds pro Spiel der dominante Big Man des Turnier, führte Deutschland zur Silbermedaille, erzielte im Finale gegen die USA 19 Punkte als Top-Scorer und wurde ins All-Star Team gewählt. Folglich drafteten ihn die Charlotte Hornets in jener Nacht an Position 14.

    Christian Anderson Jr. – die unwahrscheinlichste Geschichte

    Wenn Steinbachs Weg der geradlinigste ist, dann ist Andersons der internationalste und in vielerlei Hinsicht der unwahrscheinlichste. Er wurde am 2. April 2006 in Atlanta, Georgia geboren, wuchs in den USA als Sohn eines Vaters auf, der selbst Profibasketball in Deutschland spielte. Genau dieser Hintergrund öffnete ihm die Tür zum deutschen Nachwuchssystem, für das er sich mit einer Konsequenz und einem Erfolg empfahl, die in der Geschichte des DBB-Nachwuchses kaum Vergleichbares kennt.

    Seine Medaillenbilanz erzählt diese Geschichte am deutlichsten: Bronze beim European Youth Summer Olympic Festival 2022 als Topscorer des Teams, Gold bei der FIBA U16 EM Division B mit 16,5 Punkten und Turnier-MVP, Bronze bei der U18 EM 2023 und dann 2024 beim U18 EuroBasket in Finnland der absolute Höhepunkt seiner Jugendkarriere, als er Deutschland im Finale gegen Titelverteidiger Serbien mit 31 Punkten, 5 Assists und 4 Rebounds quasi im Alleingang zum ersten U18-EM-Gold der deutschen Geschichte führte und ins All-Star Team gewählt wurde. Bei der U19-WM 2025 war er mit 17,3 Punkten und 6,6 Assists der Spielmacher der Silbermedaillen-Mannschaft und stand ebenfalls im All-Star Team.

    Auf dem Court in den USA legte Anderson einen Weg hin, der ebenfalls alles andere als selbstverständlich war. An der Oak Hill Academy in Virginia, einer der bekanntesten Basketball-High-Schools der USA, machte er zuerst auf sich aufmerksam. Nach seiner High-School entschied er sich für das Programm an der University of Michigan. Allerdings löste er dieses Commitment auf, nachdem der damalige Headcoach Juwan Howard entlassen wurde und schloss sich der Texas Tech University in Lubbock, Texas an.

    In seiner ersten Saison lieferte er solide, aber noch unauffällige Zahlen, was bei einem 18-Jährigen in einem der renommiertesten College-Programme der USA keine Schande war. Die zweite Saison war dann der Quantensprung, auf den alle gewartet hatten: 18,5 Punkte, 7,4 Assists und 3,6 Rebounds bei 47,2 Prozent aus dem Feld und 41,5 Prozent von der Dreierlinie. Seine 7,4 Assists pro Spiel waren der drittbeste Wert im gesamten College-Basketball, beim Pre-Draft-Combine traf er 27 von 30 Würfen. Auch hier griffen die Charlotte Hornets zu, diesmal an Position 18.

    Jack Kayil – der Berliner Weg

    Kayils Geschichte ist die deutscheste der drei, und zwar nicht nur geografisch. Er wuchs in Berlin auf, durchlief die Nachwuchsabteilung von ALBA Berlin und bewies früh sein internationales Format: U16-EM-Gold 2022, U18-EM-Bronze 2023, U18-EM-Gold 2024. Für mehr Spielzeit auf höherem Niveau wechselte er vorübergehend zu KK Mega Basket nach Serbien in die dortige ABA League – eine Entscheidung, die zeigt, dass er seinen Entwicklungsweg selbst aktiv gestaltete, statt in Berlin auf Einsatzzeit zu warten. Nach dieser Erfahrung kehrte er 2025 zurück zu ALBA, und die abgelaufene Saison war seine stärkste: 12,4 Punkte, 3 Assists und 3,4 Rebounds in der BBL, bester U22-Spieler, bester Jungprofi in der Basketball Champions League und deutscher Meister.

    Gemeinsam mit Steinbach und Anderson gewann er bei der U19-WM 2025 in der Schweiz die Silbermedaille – und dieser Moment verbindet die drei auf eine Weise, die man sich merken sollte: Sie sind nicht drei zufällig gleichzeitig aufgetauchte Talente, sondern eine Generation, die gemeinsam gewachsen ist, sich auf internationalen Parketts kennt und bereits bewiesen hat, dass sie zusammen gewinnen kann.

    Houston draftete ihn in der zweiten Runde an Position 39 und gab ihn aber sofort zum amtierenden Meister, den New York Knicks. Ein Champion zu einem Champion also. Übrigens: Wer meinen Beitrag zu den Knicks verpasst hat, einmal hier klicken.

    Eine Frage, die niemand laut stellt

    Steinbach ging nach seinem ersten Profijahr an die University of Washington. Anderson spielte für Texas Tech. Die Wagner-Brüder verließen Deutschland früh gen University of Michigan. Schröder hingegen wich dem College-Umweg aus und kam trotzdem direkt in die NBA. Das war allerdings 2013. Die Scouting-Landschaft hat sich seitdem grundlegend verändert. Das Muster ist heute klar: Wer ernsthaft in die NBA möchte, verlässt Deutschland in einem bestimmten Entwicklungsstadium, weil die NCAA (die nordamerikanische Liga für Hochschulsport) in Sachen Athletik, Scouting-Dichte und täglicher Konfrontation mit gleichaltrigen Top-Talenten eine Umgebung bietet, die Europa strukturell noch nicht replizieren kann.

    Das ist keine Kritik an der BBL, die in den vergangenen Jahren beeindruckende Fortschritte gemacht hat: Zuschauerrekord von 4.676 Fans pro Spiel in der Saison 2024/25, Gesamtumsatz von 160,8 Millionen Euro, TV-Reichweite um 31 Prozent auf 244 Millionen kumulative Zuschauer gestiegen. Das sind starke Zahlen, die eine echte Entwicklung belegen. Aber: für ein Talent auf dem Niveau Steinbach oder Anderson ist die Leistungsdecke in Deutschland schlicht zu niedrig, um sich bestmöglich auf die NBA vorzubereiten, und das zeigt, dass der Aufschwung des deutschen Basketballs bei aller berechtigten Euphorie noch längst nicht an seinem Endpunkt angekommen ist.

    Die Kehrseite der Medaille

    Seit 2010 haben fünf deutsche Spieler den Weg in die NBA gefunden und ähnlich schnell wieder verlassen, ohne sich dauerhaft zu etablieren: Tibor Pleiß, Paul Zipser, Isaac Bonga, Tim Ohlbrecht und Elias Harris wurde allesamt gedraftet oder unter Vertrag genommen und fanden dennoch den Weg zurück nach Europa. Das ist keine Schande – die NBA ist ohne Zweifel die härteste Selektion im Weltbasketball, und es scheitert sogar die Mehrheit aller Draft-Picks weltweit an diesem Übergang – aber es schärft den Blick für das, was Steinbach, Anderson und Kayil nun wirklich vor sich haben, weil die Nacht im Barclays Center und gedraftet werden war Stand jetzt der einfachste Teil.

    Franz Wagner als Maßstab

    Wer verstehen will, wohin dieser Weg führen kann schaut nach Orlando, Florida. Franz Wagner, 2021 an Position 8 gedraftet, hat in kürzester Zeit eine Karriere aufgebaut, die alle Dimensionen sprengt. Mit seinem Maximalvertrag über garantierte 224 Millionen Doller ist er nicht nur erwiesenermaßen einer der besten Spieler seiner Position in der NBA, sonder auch der bestbezahlteste deutsche Sportler aller Zeiten, vor allen Fußballern, Formel-1-Fahrern, einfach vor allen.

    Zum Vergleich: Dirk Nowitzki verdiente in seinen ganzen 21 Jahren in der NBA insgesamt 255 Millionen Dollar. Wagner erreicht beinahe dieselbe Summe mit einem einzigen Vetrag. Das ist nun keinesfalls ein Maßstab für Qualität, sondern ein Zeichen dafür, wie drastisch die NBA-Gehälter in zwei Jahrzehnten gewachsen und dass Wagner ganz oben mitschwimmt. Ein 22-Jähriger aus Berlin, der mit einem einzigen Vertragsabschluss mehr verdient als Deutschlands größte Sportlegende in zwei Jahrzehnten. Dieser Satz alleine erzählt, wo der deutsche Basketball heute steht.

    Was nun folgt

    Wenn Steinbach, Anderson und Kayil sich in der NBA festsetzen sollten, könnten zeitweise bis zu zehn Deutsche gleichzeitig auf NBA-Parketts stehen – ein Rekord, der noch vor wenigen Jahren undenkbar schien. Charlotte hat mich Steinbach und Anderson zwei junge Bausteine geholt, denen ein aufbauendes Team bewusst Raum und Zeit geben wird und Kayil landet beim amtierenden Meister. Dort hat er mit Ariel Hukporti einen weiteren Deutschen als möglichen Aufhänger, der ihm als Mentor zur Seite stehen kann.

    Drei verschiedene Ausgangssituationen, drei verschiedene Werdegänge, eine gemeinsame Grundlage: Sie kennen sich, sie haben gemeinsam gewonnen und sie wissen was es bedeutet, unter Druck zu liefern. Der deutsche Basketball hat in den vergangenen 15 Jahren eine Entwicklung hingelegt, die sich gewaschen hat. Das Draft 2026 ist das bisher deutlichste Zeichen dafür, dass diese Entwicklung noch kein Ende in Sicht hat.

  • Zu gut für die ProA, zu klein für die BBL

    Zu gut für die ProA, zu klein für die BBL

    Im Sport gilt eigentlich eine simple Logik: Wer gewinnt, steigt auf. Im deutschen Basketball funktioniert diese Regel nur bedingt. Das hat weniger mit sportlichem Versagen zu tun als mit dem, was hinter den Kulissen über Aufstieg entscheidet. Warum das so ist und was das über den Zustand der Sportart in Deutschland sagt, darum geht es in diesem Beitrag.

    Ein Ergebnis, das Fragen aufwirft

    Phoenix Hagen ist zurück in der 1. Basketball Bundesliga! Für alle, die den Traditionsstandort aus Westfalen kennen, ist das mehr als nur ein sportliches Ereignis, es ist eine Rückkehr nach fast zehn Jahren. Im Finale der zweitklassigen ProA standen den Hagenern die Kirchheim Knights gegenüber, die als Hauptrundensechster durch die Playoffs gestürmt waren und sich sensationell ins Endspiel gekämpft haben. Kirchheim verlor das Finale, wurde Vizemeister und hätte damit sportlich das Recht gehabt, in die BBL aufzusteigen. Taten sie aber nicht. Und das war schon lange vorher klar, denn ein Lizenzantrag wurde gar nicht erst gestellt.

    Für den weniger Basketball-affinen Sportfan (der sicherlich eine Mehrheit in Deutschland ausmacht) klingt das sehr wahrscheinlich kurios. Ein Vizemeister einer zweiten Liga, der nicht in die Bundesliga aufsteigt und auch schon bereits vor dem Erreichen der Aufstiegsspiele jenen Aufstieg kategorisch ausschließt, wo gibt es denn sowas? Nun ja, im deutschen Basketball ist das tatsächlich ein bekanntes Muster. In den letzten 15 Saison (seit Einführung der Playoffs in der ProA) haben von den 30 aufstiegsberechtigten ProA-Teams 22 am Ende den Sprung in die BBL gemacht. Dementsprechend nutzten 8 Teams das sportliche Aufstiegsrecht nicht. Das ist nun keine Dauerkrise, aber ein regelmäßig wiederkehrendes Phänomen, das sich strukturell erklären lässt.

    Was die BBL von Aufsteigern verlangt

    Ein gutes Abschneiden in der ProA ist zwar eine Voraussetzung für die Berechtigung in der BBL spielen zu dürfen, reicht aber bei Weitem nicht aus. Die Liga stellt klare wirtschaftliche und strukturelle Anforderungen an jeden Bewerber. Dazu gehören ein Mindestetat von 4 Millionen Euro (Stand Saison 2025/2026), hauptamtliche Nachwuchstrainer und belastbare Nachweise über Sponsoringpartnerschaften und finanzielle Stabilität. Diese Anforderungen steigen von Jahr zu Jahr, was den Abstand zwischen Erstliga-Standard und dem, was ProA-Clubs realistisch leisten können, tendenziell vergrößert.

    Die Idee dahinter scheint nachvollziehbar. Die BBL möchte sicherstellen, dass die Aufsteiger nach einer Saison nicht wirtschaftlich kollabieren oder sportlich nicht konkurrenzfähig sind. Man möchte Insolvenzen vermeiden, den sportlichen Wettbewerb schützen und gewährleisten, dass alle Teams unter ähnlichen Bedingungen antreten. Kurz gesagt, die BBL möchte sich und ihre Strukturen schützen. Für Clubs, die aus kleineren Märkten kommen, ist diese Hürde aber oft zu hoch, selbst wenn sie vielleicht sportlich sogar besser geeignet sind als einige Erstligisten.

    Das Beispiel Kirchheim

    Kirchheim ist hierfür ein anschauliches Beispiel. Der Verein spielt seit Jahren guten, teilweise sehr guten, ProA-Basketball in der städtischen Sporthalle vor rund 1.800 Zuschauern. Die Atmosphäre ist familiär, die Treue der Fans, samt eigenem Fanclub, unbestreitbar. Gleichzeitig kann eine solche Infrastruktur weder die Zuschauereinnahmen noch die Außenwirkung erzeugen, die für eine glaubwürdige BBL-Bewerbung notwendig wären. Hinzu kommt, dass Kirchheim in einer Region liegt, in der Basketball gegen andere Freizeitangebote und Sportarten ankämpft. Die Fanbasis ist loyal, aber begrenzt.

    Ein Blick auf die Zahlen zeigt das Spannungsfeld: Eine Dauerkarte bei den Kirchheim Knights kostet in der teuersten Kategorie knapp 380€ und die „Courtside-Experience“ findet auf eigens aufgestellten Plastik-Gartenstühlen statt. Ein Traum für jeden Traditionalisten und Sportromantiker, für das Geschäft aber eher unvorteilhaft.
    Bei der SV Elversberg, die in derselben Saison Vizemeister der 2. Fußball-Bundesliga wurde, beginnt eine VIP-Dauerkarte bei 2.000€ netto. Natürlich ist dieser Vergleich nicht wirklich fair, vielleicht sogar vermessen. Andere Sportart, andere Geschichte, andere Einzugsgebiete. Aber er zeigt, wie unterschiedlich die wirtschaftlichen Welten der zweiten Ligen in Deutschland sind.

    Karlsruhe: Der politische Aspekt

    Noch deutlicher wird das Strukturproblem am Beispiel der Karlsruhe Lions. In der Saison 2023/2024 wurden die Lions als Hauptrundensiebter sensationell Meister der ProA. Doch auch sie stiegen nicht auf. Der Grund war damals ein anderer: In Karlsruhe gab es schlicht keine Spielstätte, die den BBL-Anforderungen entsprach. Die Europahalle war sanierungsbedürftig und stand nicht zur Verfügung.

    Was dieses Beispiel so eindrücklich macht, ist der Kontext. Die Stadt Karlsruhe hat 2019 mit dem Bau eines brandneuen Fußballstadions begonnen und dieses 2023 eröffnet. Heute spielt der KSC dort vor bis zu 33.000 Zuschauern teilweise mittelmäßigen Fußball in der 2. Bundesliga. Für die Basketballer, die seit der Saison 2017/2018 jedes Jahr mit einer Ausnahme von 2020/2021 die Playoffs in der ProA erreichten und damit jährlich mindestens halbwegs realistische Chancen auf einen Aufstieg hatten, gab es keine vergleichbare Unterstützung. Man kann das nun als bewusste Entscheidung lesen oder als das Ergebnis unterschiedlicher Prioritäten und Investitionslogiken in Kommunalpolitik und Sportförderung. Was bleibt, ist der Kontrast: Der eine Verein spielt semi-erfolgreich im glänzenden Neubau, der andere kämpft sich aus der Ausweichhalle zum Meistertitel. Mittlerweile ist die Europahalle fertig saniert, von den erfolgreichen Zeiten sind die Lions aber mittlerweile wieder ein gutes Stück entfernt.

    Ein Teufelskreis, der sich selbst am Laufen hält

    Hinter solchen Einzelfällen steckt jedoch ein strukturelles Problem, das den gesamten ProA-Basketball betrifft. Viele Clubs haben zu wenig Geld, um in Infrastruktur, Personal und Vermarktung zu investieren. Ohne diese Investitionen wachsen weder Zuschauerzahlen noch Sponsoringeinnahmen und ohne Wachstum bleibt das Budget eng. Und ohne ausreichendes Budget ist ein ernsthafter BBL-Antrag unrealistisch. Dieser Kreislauf ist schwer zu durchbrechen, solange kein externer Impuls kommt, sei es über Städteförderung, einen Investor oder eine strukturelle Veränderung im Lizenzierungsmodell des BBL.

    Trotzdem: Es geht voran

    Trotz aller Strukturprobleme ist die Entwicklung nicht einseitig negativ. In dieser Saison haben 6 ProA-Clubs einen BBL-Lizenzantrag gestellt, was einen kontinuierlichen Anstieg in der letzten Jahre bedeutet. Das zeigt, dass die Ambitionen in der zweiten Liga wachsen und sich mehr Vereine ernsthaft mit dem Sprung nach oben beschäftigen.

    Dazu kommen die Aufsteiger der jüngeren Vergangenheit: Jena, Trier, Rostock, Vechta und Frankfurt haben sich nach ihren Aufstiegen in der BBL behauptet und zwischenzeitlich für mächtig Aufsehen gesorgt. Dazu kehrt Phoenix Hagen als starkes Symbol zurück: ein traditionsreicher Club, der jahrelang aufgebaut und investiert hat, bis er die Anforderungen der BBL erfüllen konnte. Das ist das Ergebnis von Geduld, Struktur, harter Arbeit und dem richtigen Umfeld.

    Kirchheim und Karlsruhe stehen nicht allein. Sie stehen für eine Spannung, die den deutschen Basketball seit Jahren begleitet: zwischen dem Wunsch nach sportlicher Durchlässigkeit und dem Anspruch an wirtschaftliche Stabilität in der ersten Liga. Ob das Lizenzierungsmodell der BBL die richtige Antwort auf diese Spannung ist, ob flexiblere Übergangslösungen oder mehr städtische Unterstützung helfen könnten, bleibt offen. Was die letzten Jahre aber gezeigt haben: Wer aufsteigen will, muss mehr leisten als guten Basketball, und manchmal ist genau das der kompliziertere Teil.

  • Mehr als nur Bandenwerbung: Das Geschäft mit dem WM-Sponsoring

    Mehr als nur Bandenwerbung: Das Geschäft mit dem WM-Sponsoring

    Denkt man an eine Fußball-Weltmeisterschaft, kommen den meisten die gleichen Bilder in den Kopf: Jubel, Fanmeilen, Dramatik und Gemeinschaft. Woran die wenigsten denken ist, dass im Hintergrund ein zweites Spiel läuft, das mindestens genauso bedeutsam ist.
    Wer darf sein Logo wo präsentieren, welche Begriffe sind geschützt, wer darf mit seiner Marke und der WM in Verbindung gebracht werden und vor allem: Wer zahlt dafür wie viel. Das ist längst kein nettes Add-On zur WM mehr, sondern ein zentrales Standbein im Geschäftsmodell der FIFA.

    Die ursprüngliche Idee

    Begeben wir uns in die Anfänge der 1900er Jahre, darf man grundsätzlich noch davon ausgehen, dass der monetäre Aspekt mindestens nur zweitrangig für die FIFA war. Seit ihrer Gründung in 1904 beschäftigte sich man mit einem internationalen Turnier, scheiterte aber zumeist an den infrastrukturellen Begebenheiten und damit an der Umsetzung.

    Erst in den 1920er Jahren und nach der Zusammenarbeit mit dem IOC wurde die Sache konkreter. Die FIFA organisierte im Auftrag der Olympischen Spiele die Fußballturniere 1924 in Paris und 1928 in Amsterdam – mit großem Erfolg. Dass beide Turniere von der damaligen Übermacht aus Uruguay gewonnen wurden spielte weniger eine Rolle. Man erreichte einen großen Zuschauerzuspruch, was den FIFA-Präsidenten Jules Rimet ein weiteres Mal dazu veranlasste, über ein eigenes internationales Turnier abzustimmen. Unter anderem auch, weil die Olympischen Spiele keine Profis zuließen.
    Auch zu dieser Zeit spielt das Geld vermutlich noch die zweite Geige. Ziel war es, ein unabhängiges Produkt zu schaffen, das den Fußball hervorhebt und nicht nur ein Teil von etwas ganz Großem wie den Olympischen Spielen ist.

    So stimmte der FIFA-Kongress für die Durchführung einer eigenen FIFA-Weltmeisterschaft. Wenig überraschend wählte man a) Uruguay als erste Austragungsnation, nicht nur aufgrund der sportlichen Vormachtstellung sondern auch, und das ist viel wichtiger, weil Uruguay anbot sämtliche Reise- und Unterbringungskosten zu übernehmen, und b) mit 1930 ein Jahr, das genau in die Pause zwischen die Olympischen Spiele fiel, damit die größtmögliche Aufmerksamkeit auf der WM lag.

    Uruguay krönte sich zum ersten FIFA Weltmeister in einem dann aber doch recht unspektakulären Turnier. Lediglich 13 Nationen nahmen teil und nur 4 davon aus Europa. Die meisten großen europäischen Top-Nationen sagten aufgrund wirtschaftlicher Probleme und der langen Schiffsreise ab.

    Mit Banden fing alles an

    So viel zu der allerersten Weltmeisterschaft. Die folgenden verliefen nach einem ähnlichen Muster und hatten mit dem heutigen Produkt der FIFA-WM wenig zu tun. Kein hochgezüchtetes Sponsoring, exklusive Werbepakete oder teure Partnerschaften. Hier und da tauchten Marken im Stadion auf, kauften sich vielleicht eine Bande oder andere Werbeflächen, von der heutigen Werbepräsenz war aber nichts zu spüren. Keine ausgeklügelten Sponsorenhierarchien oder komplexe Rechtekataloge.

    Ein gutes Beispiel für diese frühe Phase ist Coca-Cola. Die Marke war bereits in den 50er-Jahren bei Weltmeisterschaften über Stadionwerbung präsent. Der wirtschaftliche Nutzen einer WM war also bereits da, allerdings wusste die FIFA ihn nicht wirklich zu Nutzen. Erst mit der wachsenden globalen Reichweite wurde klar, wie man aus einfacher Bandenwerbung ein eigenes Geschäftsmodell basteln kann.

    Coca-Cola als Initialzündung

    Springt man in der Zeitleiste etwa 20 Jahre weiter nach vorne, trifft man auf einen ersten richtigen Knick in der Kurve. 1974 begann die sogenannte „formelle Partnerschaft“ zwischen Coca-Cola und der FIFA, ab 1978 war Coca-Cola dann offizieller Sponsor der Weltmeisterschaft. Aus dem „wir sind irgendwie dabei“ wurde eine langfristige, vertraglich geregelte Beziehung. Für die FIFA war das gleichzeitig ein Schritt in Richtung einer anderen Denkweise: weg vom reinen, einfachen Flächenverkauf, hin zu klar definierten Rechten, die man bündeln und über mehrere Turniere strecken kann.
    Ab diesem Zeitpunkt wird das System Schritt für Schritt professioneller. Offizielle Dokumente zeigen ab 1982, wie aus wenigen Partnern ein pyramidenartiges Sponsoringmodell wird – mit klaren Rollen, unterschiedlichen Reichweite und einer Preisstaffelung.

    Vom Sammelsurium zur Pyramide

    Heutzutage läuft das WM-Sponsoring auf drei Ebenen. Ganz oben stehen die „FIFA Partners“. Das sind die Marken, die man seit Jahren und über Jahre in fast jedem FIFA-Kontext sieht. Sie bekommen die umfassendsten globalen Rechte, sind nicht nur bei einer WM präsent und wollen vor allem eins: Exklusivität in ihrer Kategorie. Dass sich diese Investition dann lohnt, hängt direkt daran, wie konsequent die FIFA diese Exklusivität beschützt.

    Darunter kommen die „FIFA World Cup Sponsors“. Sie erhalten ebenfalls weltweite Sichtbarkeit, sind in ihrer Rolle aber nur auf das jeweilige Turnier fokussiert und bekommen daher nicht das volle Paket, das mit einer langfristigen FIFA-Partnerschaft verbunden ist. Für sie geht es darum, die WM als Aufhänger für intensive Kampagnen und Aktivierungen zu nutzen, ohne sich gleich auf mehrere Jahre an die FIFA zu binden.

    Die dritte Stufe bilden die Regional bzw. National Supporters. Diese Firmen sind näher an dem jeweiligen Gastgeberland oder bestimmten Regionen und zahlen deutlich weniger als die globalen Partner. Darüber hinaus sind die meistens ohnehin nicht über die Landesgrenzen hinaus bekannt oder global aktiv. Ziel für diese Unternehmen ist es, ihre Plattform in ihrem „Heimatmarkt“ zu vergrößern, ohne dabei das große Geld für eine Partnerschaft auf den Tisch legen zu müssen. Für die FIFA ist das clever: Man kann zusätzliche Märkte monetarisieren, ohne die Premium-Pakete zu verwässern. Gleichzeitig steigt damit aber auch die Komplexität, weil vor Ort schneller Konflikte entstehen, wenn beispielsweise lokale Marken an die Grenzen dessen gehen, was offiziell erlaubt ist.

    Was Jura hiermit zu tun hat

    Kauft eine Marke heute ein WM-Sponsoring, kauft sie nicht nur einen Platz auf einer Werbebande. (Das gilt aber eigentlich auch für Sponsoring außerhalb einer WM). Im Kern geht es aber um etwas anderes: das Recht, sich exklusiv und offiziell mit der WM verbinden zu dürfen. Dafür fließen Summen im dreistelligen Millionenbereich über mehrere Jahre. Ohne eine rechtliche Absicherung würde kaum ein Unternehmen die Produkte der FIFA kaufen.

    Die FIFA definiert deshalb sehr genau, was zu ihrer „Official Intellectual Property“ gehört: Logos, Embleme, Namen, Bezeichnungen, selbst die Silhouette des WM-Pokals. Nur wer Rechte gekauft hat, darf diese Zeichen kommerziell nutzen. Wer das ohne Lizenz versucht riskiert Abmahnungen, Unterlassungsansprüche und Schadenersatzforderungen. Damit das global überhaupt funktioniert, lässt die FIFA ihre Marken weltweit registrieren und versucht, Verstöße konsequent zu verfolgen.

    Eine Maßnahme um Trittbrettfahrer auszuschließen sind die sogenannten „Clean Zones“. Diese findet man im Regelfall in den Host Cities. Eine Clean Zone ist meist über lokale Regelungen abgesichert und soll dafür sorgen, dass im direkten Eventumfeld keine unerlaubten Verkaufsstände oder Promo-Aktionen stattfinden. Die Idee dahinter ist auf dem Papier simpel: Wenn jemand im oder am Stadion sichtbar sein möchte, dann bitte nur mit offizieller Berechtigung. In der Praxis sieht die ganze Sache dann aber manchmal ein wenig schwieriger aus, denn was macht die lokale Pizzeria gegenüber vom Stadion, wenn sie keine Berechtigung bei der FIFA gekauft hat? Nun ja, lokale Unternehmen dürfen weiter öffnen, ein WM-Spiel aber nicht als kostenlose Werbe-Bühne nutzen, dementsprechend also keine offiziellen Bezeichnungen oder Logos nutzen.

    Ambush: Mitspielen, ohne zu zahlen

    Trotz all dieser Regeln und Bemühungen bleibt ein Thema hartnäckig: Ambush-Marketing. Damit sind Aktionen von Unternehmen gemeint, die keine offiziellen Sponsoren sind, aber versuchen, sich in die Aufmerksamkeit rund um die WM reinzumogeln. Das läuft dann über bestimmte Farben, Sprüche, auffällige Aktionen oder Bezeichnungen, oder das Timing von Kampagnen, ohne dass direkt ein geschütztes Logo genutzt wird.

    Für die Unternehmen, die Millionen investieren, ist das selbstverständlich ein Reizthema. Sie kaufen die teure Exklusivität, sehen aber, dass andere versuchen, in denselben Momenten präsent zu sein, ohne gezahlt zu haben. Juristisch bewegt man sich dort oft in Grauzonen zwischen zulässiger Werbung und unzulässiger Ausnutzung der Event-Assoziation. Für die FIFA ist die Abwehr solcher Kampagnen Teil ihres Versprechens an die Partner. Und das muss sie auch, denn wenn das nicht gelingt, ist das gesamte Modell nur noch einen Bruchteil wert.

    Warum Marken sich das trotzdem antun

    Und trotz all dieser Risiken und Unsicherheiten lässt sich festhalten: WM-Sponsoring ist weiterhin höchst attraktiv. Aus Unternehmenssicht ist es eine seltene Kombination aus globaler Reichweite, emotionaler Aufladung und maximaler Medienaufmerksamkeit. Im besten Fall steht man dort, wo gerade die größte Bühne des Sports aufgebaut ist. Studien und Praxis zeigen, dass ein Sponsoring die Markenstärke tatsächlich pushen kann. Allerdings unter der Voraussetzung, dass die Marke zum Turnier passt, der Auftritt glaubwürdig wirkt und die Rechte aktiv genutzt und beworben werden, anstatt nur sein Logo irgendwo zu parken.

    Dennoch liegt die Kehrseite auf der Hand. Steht die FIFA oder ein Turnier in der Kritik, beispielsweise durch die Vergabe der Ausrichternation, können Sponsoren im öffentlichen Bild in Mithaftung geraten. Zudem reicht es auch nicht mehr, sich nur noch mit dem Namen „offizieller Partner“ zu schmücken. Wer sein Geld wieder reinholen will, muss kreativ aktivieren, lokale Maßnahmen fahren, Social Media nutzen und Hospitality klug einsetzen. Außerdem: Die Gefahr des Ambush-Marketings verschwindet nicht, nur weil der Sponsoring-Vertrag dicker wurde.

    Vom Nebenbei-Produkt zur Erlössäule

    Man braucht sich nicht lange den Geschäftsbericht der FIFA anzuschauen, um zu verstehen, wie weit die Entwicklung gekommen ist. Neben den TV-Rechten sind Marketing- und Sponsoringeinnahmen eine der größten Erlössäulen im gesamten WM-Zyklus. Ein großer Teil dieser Einnahmen ist schon vor dem Eröffnungsspiel vertraglich gebunden. Die Weltmeisterschaft ist damit nicht nur ein sportlicher Höhepunkt, sondern lässt in Zürich die Kassen klingeln.

    Die Geschichte des WM-Sponsorings erzählt deshalb mehr als nur die nächste Marketing-Anekdote. Sie beschreibt, wie aus lose platzierten Logos ein hoch strukturiertes und juristisch abgesichertes System geworden ist. Die WM ist heute nicht nur ein Turnier, sondern auch ein Produkt, dessen Wert maßgeblich davon abhängt, wie gut Exklusivität verkauft und geschützt wird. Für die Unternehmen kann es sich sehr wohl lohnen, sich in dieses System einzukaufen und ein Teil davon zu werden – aber eben nur dann, wenn sie wissen, worauf sie sich einlassen und das Spielfeld hinter dem Spielfeld ernst nehmen.

  • Fortuna Düsseldorf: Wenn ein Abstieg mehr als 11 Spieler trifft

    Fortuna Düsseldorf: Wenn ein Abstieg mehr als 11 Spieler trifft

    Fortuna Düsseldorf ist am letzten Spieltag doch noch abgestiegen. Sportlich ist das ein Schock, wirtschaftlich eine Katastrophe. Was nur eine Platzierung in einer Tabelle ist, verändert für einen ganzen Club den Alltag und für viele Menschen deren Zukunft, lange bevor in ein paar Monaten der Ball dann in der 3. Liga wieder rollt.

    Zwischen Theorie und Realität

    In meinem letzten Beitrag habe ich darüber geschrieben, wie abhängig Jobs im Sport von Ergebnissen sind und wie schnell sich die Rahmenbedingungen ändern können. Und nun ist die Fortuna aus Düsseldorf ein Paradebeispiel dafür, wie ein solches Szenario konkret aussehen kann. Vor zwei Saisons in der Aufstiegsrelegation gegen den VfL Bochum einen Elfmeter von der Rückkehr in die Erstklassigkeit entfernt gewesen, heißt die Realität nun Liga 3. In diesen Zeitraum fallen verpasste Chancen, sportliche Fehlentwicklungen und Entscheidungen, deren Folgen jetzt deutlich härter ausfallen als nur ein Platz in der Tabelle.

    Dass ein Abstieg weh tut, liegt auf der Hand. Aber was aktuell rund um die Fortuna diskutiert wird, geht weit über sportliche Enttäuschung hinaus. In Medienberichten ist von einem Sparkurs in einem Ausmaß die Rede, dass über die Hälfte aller Stellen über alle Abteilungen auf dem Prüfstand stehen sollen. Die Fernseheinnahmen sinken von 16 Millionen Euro auf sage und schreibe 1,39 Millionen Euro, Sponsorenpakete müssen neu bewertet werden und Budgets werden zusammengeschnitten. Für viele der Mitarbeitenden bei der Fortuna bedeutet das, dass sich ihre berufliche Zukunft von einem auf den anderen Moment verändern kann, obwohl sie nie gegen einen Ball getreten haben.

    Wenn der Absturz mehrere Ebenen trifft

    Wirtschaftlich ist der Schritt in die 3. Liga ein riesiger Einschnitt. Wie erwähnt fallen die TV-Gelder deutlich geringer aus, Vermarktungserlöse sind schwieriger zu planen und auch in Abteilungen wie dem Ticketing ändern sich die Perspektiven. Gleichzeitig wächst der Druck, Kosten zu senken. Es ist die Rede von „drastischen Sparmaßnahmen“. Das bedeutet, das eigentliche Vorzeige-Produkt „Fortuna für Alle“ wird in dieser Form in der kommenden Saison nicht zurückkehren. Zahlen von 60% aller Beschäftigten könnten entlassen werden stehen im Raum. Das zeigt das Spannungsfeld, das ich im Karriere-Beitrag beschrieben habe: Viele Jobs im Sport hängen an einer sportlichen Leistung, die man selbst nicht beeinflussen kann.

    In solchen Phasen wird wenig überraschend schnell nach einem Sündenbock gesucht. Die beiden Architekten des Kaders, Klaus Allofs und Sven Mislintat, durften bereits ihren Hut nehmen. Ersterer in der Winterpause, Letzterer nach Abschluss der Saison. Dieser Kader war eigentlich mit dem Ziel Aufstieg zusammengestellt worden, konnte diese Erwartungen aber offensichtlich nicht erfüllen und nun muss der Verein den bitteren Gang in die Drittklassigkeit antreten. Dahinter steht aber nicht die eine falsche Entscheidung, die mal getroffen wurde, sondern eine Mischung aus sportlicher Entwicklung und strukturellen Faktoren, die zusammen nicht tragen konnten, was auf dem Papier geplant war.

    Sportliche Ursachen als Teil der Geschichte

    Sucht man nach den Gründen des sportlichen Zerfalls, fällt eines der größten Probleme recht schnell ins Auge. Eine Offensive, die über einen Saisonverlauf auf insgesamt 33 Tore kommt, ist für ein Team mit Aufstiegsambitionen schlicht und ergreifend zu wenig. Noch deutlicher wird es, wenn man sich die Verteilung dieser 33 Tore anschaut. Mittelstürmer Cedric Itten war demnach an 18 dieser 33 Tore direkt beteiligt (54%). Wenn ein Spieler in dieser Art so stark herausragt, wird die Abhängigkeit von ihm schnell gefährlich. Diese Abhängigkeit zeigte sich vor allem in den Spielen, in denen Itten nicht spielte. In den 4 Spielen, in denen Itten fehlte, schoss die Fortuna exakt 1 Tor und holte 1 Punkt (1:1 gegen den 1. FC Kaiserslautern).

    Diese Konstellation erklärt natürlich nicht alles, aber sie zeigt, wie fehlerhaft man einen potenziellen Aufstiegskader aufstellen kann. Man kann nur hoffen, dass nicht dieselben Fehler beim Zusammenstellen des nächsten Kaders gemacht werden, eine Veränderung ist aber unvermeidlich. Das liegt vor allem an der Vertragssituation. Es heißt, dass nur eine einstellige Zahl an Spielern einen gültigen Vertrag für die 3. Liga besitzt. Man kann nun die Chance ergreifen und durch gute Scouting-Arbeit und erhöhter Fokus auf die Nachwuchsspieler einen fähigen Drittliga-Kader zu bauen, oder man lässt die bereits bestehende Unsicherheit walten.

    Fallhöhe & Warnsignale

    Die Fortuna steht damit an einem Punkt, an dem der zukünftige Weg in mehrere Richtungen führen kann. Positiv betrachtet könnte der direkte Wiederaufstieg in die 2. Liga das Ziel sein, an dem sich der Club ausrichtet. In der Praxis ist dies aber alles andere als garantiert. Die 3. Liga ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen, was Professionalität und Stabilität vieler Clubs angeht. Vereine wie Rostock, Regensburg oder Wiesbaden sind es gewohnt, zwischen Ligen zu pendeln oder sich in dieser Umgebung zu behaupten. Sie kennen Auf- und Abstiege und haben Strukturen, die auf solche Szenarien vorbereitet sind. Für Düsseldorf ist diese Situation gänzlich neu.

    Gleichzeitig zeigen die Beispiele anderer Traditionsvereine, wohin der Weg führen kann, wenn die Entscheidungen nicht sitzen. 1860 München, der MSV Duisburg (mittlerweile wieder aufsteigend), der SSV Ulm oder auch die SG Wattenscheid 09 haben auf unterschiedlichste Weise erlebt, wie schwer es ist, nach einem Absturz in die 3. Liga oder tiefer wieder dauerhaft aufzustehen. In einigen Fällen folgte noch ein weiterer Abstieg, in anderen ein langsames Absinken in die Bedeutungslosigkeit, weil man zu lange in einer Liga festhing, für die weder die Finanzen noch die Strukturen aufgestellt waren. Düsseldorf ist nicht automatisch auf diesem Weg, aber die Fallhöhe ist immens und vergleichbar genug, um diese Beispiele als Warnsignale ernst zu nehmen.

    Was nun übrig bleibt, ist ein Status Quo mit einer sehr geringen Fehlertoleranz. Sportlich müssen Entscheidungen sitzen, wirtschaftlich muss jeder Schritt doppelt und dreifach überlegt werden und gleichzeitig muss man auch wieder Positionen für Menschen schaffen, die nicht in den Statistiken auftauchen. Für mich ist das genau der Kern, warum dieser Fall so gut zu dem passt, was ich in meinem letzten Beitrag geschrieben habe. Ein Abstieg ist viel mehr als nur ein sportliches Ereignis. Er gleicht einer ganzen Zäsur für einen Club und für so viele, deren Arbeitsplatz daran hängt, ob ein Ball im Tor landet oder nur am Pfosten.

  • Sportbusiness von innen: Vom Traumjob zum Einstieg

    Sportbusiness von innen: Vom Traumjob zum Einstieg

    Zwischen Glamour und Realität

    Das Sportbusiness gehört zu den beliebtesten Berufsfeldern überhaupt. Viele stellen sich vor, irgendwann mit Spielern im Tunnel zu stehen oder bei großen Spielen auf der Tribüne zu sitzen und dafür auch noch bezahlt zu werden. In der Realität sind diese Tribünenplätze aber deutlich rarer, als es von außen wirken mag. Auf jede ausgeschriebene Stelle kommen viele Bewerbungen, alle mit ähnlichen Lebensläufen. Da fühlt sich der vermeintliche Traumjob nur noch wie eine weit entfernte Hoffnung an.

    Ausbildung, Netzwerk und ein Problem

    Eine Ausbildung oder ein Studium im Sport- oder Wirtschaftskontext ist wichtig, aber nie automatisch der Schlüssel zum ersten Job. In vielen Fällen entscheidet am Ende das Netzwerk: Wer hat deinen Namen schon mal gehört, wer kann dich empfehlen oder mit wem hast du schon mal zusammengearbeitet. Hier stoßen wir jedoch auf das bekannte Huhn-oder-Ei-Problem: Man braucht einen Job, um ein Netzwerk aufzubauen, braucht aber gleichzeitig ein Netzwerk, um einen Job zu landen. Das macht es für Einsteiger nicht einfacher im Sportbusiness Fuß zu fassen. Ausbildung, Ehrenamt und erste Minijobs sind daher weniger Selbstzweck, sondern vor allem Plattformen, auf denen man Kontakte knüpft, die später Türen öffnen können. Die formale Qualifikation legt das Fundament, während die Menschen, die man unterwegs trifft, den Unterschied machen.

    Praktika und Seiteneinstiege

    Ein echter Gamechanger sind meistens Praktika. Im Studium ohnehin häufig Pflicht, unabhängig davon sind sie aber für viele der erste echte Kontaktpunkt mit dem Sportbusiness. Glamourös sind sie aber eher selten: Berichte schreiben, Präsentation bauen, Tickets verschicken. Im richtigen Umfeld ist das aber genau die Verantwortung die man braucht. Man darf Projekte begleiten und sieht, wie Entscheidungen und Prozesse wirklich ablaufen. Diese Erfahrungen und die Menschen, die einen begleiten, sind oft wichtiger als die Überschrift im Lebenslauf.

    Eine andere, wenig diskutierte, Option führt über den Sport-Einzelhandel. Das wirkt auf den ersten Blick noch weniger attraktiv. Einzelhandel heißt Schichtdienst, Kundenkontakt, Kopfschmerzen (ich spreche aus Erfahrung). Gleichzeitig steht man dort aber an der Schnittstelle zwischen Fans, Vereinen und Ausrüstern. Große Händler arbeiten eng mit den Marken und lokalen Vereinen zusammen, statten Teams aus und unterstützen Veranstaltungen. Wer dort verlässlich arbeitet, ein Gefühl für Produkte und Zielgruppen entwickelt und sich ein erstes kleines Netzwerk aufbaut, kann daraus später vielleicht Wege in andere Rollen ableiten.
    Ich hab jetzt damit nicht den geheimen Speedrun ins Sportbusiness aufgedeckt und ich hoffe, das denkt auch keiner. Dennoch wird von diesem Weg in all den LinkedIn-Posts kaum bis gar nicht geredet. Dabei ist dies für den ein oder anderen der erste und nicht zu unterschätzende Kontakt zur Branche.

    Tiefer stapeln, höher fliegen

    Viele träumen davon, direkt in einer Profiliga zu landen. Die Realität sieht so aus, dass die allerwenigsten ihren Einstieg in der Bundesliga oder bei einem großen internationalen Club finden. Häufig ist es sinnvoller, bewusst tiefer zu stapeln und zunächst in kleineren Vereinen, Verbänden und Agenturen anzufangen. Dort sind die Teams kleiner, Budgets straffer und die Strukturen weniger glatt. Genau das sorgt aber dafür, dass man früh Verantwortung übernehmen kann. Statt als Statist im Großverein am Rand zu stehen, kann man in einer Oberliga oder Regionalliga Ticketing, Sponsoring, Social Media oder Events aktiv mitgestalten. Was man dort lernt, lässt sich später für größere Aufgaben mitnehmen. Der Lebenslauf erzählt dann nicht nur Namen, sondern ist mit echten Geschichten aus der Praxis gespickt.

    Geduld, Risiko und warum es sich trotzdem lohnt

    Geduld ist so eine Sache. Das lässt sich immer so leicht predigen und doch ist sie so schwer umsetzbar. Mir selbst kann es auch nicht schnell genug gehen, und der Wunsch nach einem „richtigen“ Job direkt nach dem Studium ist absolut nachvollziehbar. Gleichzeitig muss man realistisch bleiben: Team-Lead-Stellen, Leitungsfunktionen oder repräsentative Rollen werden in den seltensten Fällen an Berufseinsteiger vergeben. Wie in anderen Branchen auch wachsen Verantwortung und Titel mit der Zeit, mit Ergebnissen und mit Menschen, die einen fördern und fordern. Ausnahmen gibt es auch hier, sich darauf zu verlassen wäre aber vermessen.

    Gleichzeitig ist der Sport kein stabiler, planbarer Arbeitgeber. Wer im Mannschaftssport arbeitet, hängt mit seinem Job oft direkt oder indirekt am Ergebnis auf dem Platz. Ein Abstieg, verpasste Einnahmen oder der Verlust eines Sponsors können schnell zu Kürzungen führen, die auch Mitarbeitende treffen. Das kann bedeuten, dass man den Standort wechseln muss, Verträge nicht verlängert werden oder man sich sogar ganz neu orientieren muss. Kaum eine Branche reagiert so sensibel auf Erfolge und Misserfolge wie der Profisport. Dieses Risiko gehört aber nun immer dazu.

    Trotz alledem gibt es wenige Bereiche, in denen sich Wirtschaft und Emotion so stark verbinden. Der Mix aus Strategie, Zahlen, Menschen und Momente, in denen eine Aktion plötzlich alles entscheidet, ist schwer zu ersetzen. Spannung, Zittern, Freude: diese Emotionen gehören im Sport in der täglichen Arbeit einfach dazu und sind nicht nur Kulisse. Wer bereit ist, manchmal den längeren, ungeraden Weg zu gehen, sich durch Praktika, kleine Stellen und Vereine und Umwege zu arbeiten, findet im Sportbusiness eine Umgebung, die man in kaum einem anderen Wirtschaftszweig erlebt.