Zu gut für die ProA, zu klein für die BBL

Im Sport gilt eigentlich eine simple Logik: Wer gewinnt, steigt auf. Im deutschen Basketball funktioniert diese Regel nur bedingt. Das hat weniger mit sportlichem Versagen zu tun als mit dem, was hinter den Kulissen über Aufstieg entscheidet. Warum das so ist und was das über den Zustand der Sportart in Deutschland sagt, darum geht es in diesem Beitrag.

Ein Ergebnis, das Fragen aufwirft

Phoenix Hagen ist zurück in der 1. Basketball Bundesliga! Für alle, die den Traditionsstandort aus Westfalen kennen, ist das mehr als nur ein sportliches Ereignis, es ist eine Rückkehr nach fast zehn Jahren. Im Finale der zweitklassigen ProA standen den Hagenern die Kirchheim Knights gegenüber, die als Hauptrundensechster durch die Playoffs gestürmt waren und sich sensationell ins Endspiel gekämpft haben. Kirchheim verlor das Finale, wurde Vizemeister und hätte damit sportlich das Recht gehabt, in die BBL aufzusteigen. Taten sie aber nicht. Und das war schon lange vorher klar, denn ein Lizenzantrag wurde gar nicht erst gestellt.

Für den weniger Basketball-affinen Sportfan (der sicherlich eine Mehrheit in Deutschland ausmacht) klingt das sehr wahrscheinlich kurios. Ein Vizemeister einer zweiten Liga, der nicht in die Bundesliga aufsteigt und auch schon bereits vor dem Erreichen der Aufstiegsspiele jenen Aufstieg kategorisch ausschließt, wo gibt es denn sowas? Nun ja, im deutschen Basketball ist das tatsächlich ein bekanntes Muster. In den letzten 15 Saison (seit Einführung der Playoffs in der ProA) haben von den 30 aufstiegsberechtigten ProA-Teams 22 am Ende den Sprung in die BBL gemacht. Dementsprechend nutzten 8 Teams das sportliche Aufstiegsrecht nicht. Das ist nun keine Dauerkrise, aber ein regelmäßig wiederkehrendes Phänomen, das sich strukturell erklären lässt.

Was die BBL von Aufsteigern verlangt

Ein gutes Abschneiden in der ProA ist zwar eine Voraussetzung für die Berechtigung in der BBL spielen zu dürfen, reicht aber bei Weitem nicht aus. Die Liga stellt klare wirtschaftliche und strukturelle Anforderungen an jeden Bewerber. Dazu gehören ein Mindestetat von 4 Millionen Euro (Stand Saison 2025/2026), hauptamtliche Nachwuchstrainer und belastbare Nachweise über Sponsoringpartnerschaften und finanzielle Stabilität. Diese Anforderungen steigen von Jahr zu Jahr, was den Abstand zwischen Erstliga-Standard und dem, was ProA-Clubs realistisch leisten können, tendenziell vergrößert.

Die Idee dahinter scheint nachvollziehbar. Die BBL möchte sicherstellen, dass die Aufsteiger nach einer Saison nicht wirtschaftlich kollabieren oder sportlich nicht konkurrenzfähig sind. Man möchte Insolvenzen vermeiden, den sportlichen Wettbewerb schützen und gewährleisten, dass alle Teams unter ähnlichen Bedingungen antreten. Kurz gesagt, die BBL möchte sich und ihre Strukturen schützen. Für Clubs, die aus kleineren Märkten kommen, ist diese Hürde aber oft zu hoch, selbst wenn sie vielleicht sportlich sogar besser geeignet sind als einige Erstligisten.

Das Beispiel Kirchheim

Kirchheim ist hierfür ein anschauliches Beispiel. Der Verein spielt seit Jahren guten, teilweise sehr guten, ProA-Basketball in der städtischen Sporthalle vor rund 1.800 Zuschauern. Die Atmosphäre ist familiär, die Treue der Fans, samt eigenem Fanclub, unbestreitbar. Gleichzeitig kann eine solche Infrastruktur weder die Zuschauereinnahmen noch die Außenwirkung erzeugen, die für eine glaubwürdige BBL-Bewerbung notwendig wären. Hinzu kommt, dass Kirchheim in einer Region liegt, in der Basketball gegen andere Freizeitangebote und Sportarten ankämpft. Die Fanbasis ist loyal, aber begrenzt.

Ein Blick auf die Zahlen zeigt das Spannungsfeld: Eine Dauerkarte bei den Kirchheim Knights kostet in der teuersten Kategorie knapp 380€ und die „Courtside-Experience“ findet auf eigens aufgestellten Plastik-Gartenstühlen statt. Ein Traum für jeden Traditionalisten und Sportromantiker, für das Geschäft aber eher unvorteilhaft.
Bei der SV Elversberg, die in derselben Saison Vizemeister der 2. Fußball-Bundesliga wurde, beginnt eine VIP-Dauerkarte bei 2.000€ netto. Natürlich ist dieser Vergleich nicht wirklich fair, vielleicht sogar vermessen. Andere Sportart, andere Geschichte, andere Einzugsgebiete. Aber er zeigt, wie unterschiedlich die wirtschaftlichen Welten der zweiten Ligen in Deutschland sind.

Karlsruhe: Der politische Aspekt

Noch deutlicher wird das Strukturproblem am Beispiel der Karlsruhe Lions. In der Saison 2023/2024 wurden die Lions als Hauptrundensiebter sensationell Meister der ProA. Doch auch sie stiegen nicht auf. Der Grund war damals ein anderer: In Karlsruhe gab es schlicht keine Spielstätte, die den BBL-Anforderungen entsprach. Die Europahalle war sanierungsbedürftig und stand nicht zur Verfügung.

Was dieses Beispiel so eindrücklich macht, ist der Kontext. Die Stadt Karlsruhe hat 2019 mit dem Bau eines brandneuen Fußballstadions begonnen und dieses 2023 eröffnet. Heute spielt der KSC dort vor bis zu 33.000 Zuschauern teilweise mittelmäßigen Fußball in der 2. Bundesliga. Für die Basketballer, die seit der Saison 2017/2018 jedes Jahr mit einer Ausnahme von 2020/2021 die Playoffs in der ProA erreichten und damit jährlich mindestens halbwegs realistische Chancen auf einen Aufstieg hatten, gab es keine vergleichbare Unterstützung. Man kann das nun als bewusste Entscheidung lesen oder als das Ergebnis unterschiedlicher Prioritäten und Investitionslogiken in Kommunalpolitik und Sportförderung. Was bleibt, ist der Kontrast: Der eine Verein spielt semi-erfolgreich im glänzenden Neubau, der andere kämpft sich aus der Ausweichhalle zum Meistertitel. Mittlerweile ist die Europahalle fertig saniert, von den erfolgreichen Zeiten sind die Lions aber mittlerweile wieder ein gutes Stück entfernt.

Ein Teufelskreis, der sich selbst am Laufen hält

Hinter solchen Einzelfällen steckt jedoch ein strukturelles Problem, das den gesamten ProA-Basketball betrifft. Viele Clubs haben zu wenig Geld, um in Infrastruktur, Personal und Vermarktung zu investieren. Ohne diese Investitionen wachsen weder Zuschauerzahlen noch Sponsoringeinnahmen und ohne Wachstum bleibt das Budget eng. Und ohne ausreichendes Budget ist ein ernsthafter BBL-Antrag unrealistisch. Dieser Kreislauf ist schwer zu durchbrechen, solange kein externer Impuls kommt, sei es über Städteförderung, einen Investor oder eine strukturelle Veränderung im Lizenzierungsmodell des BBL.

Trotzdem: Es geht voran

Trotz aller Strukturprobleme ist die Entwicklung nicht einseitig negativ. In dieser Saison haben 6 ProA-Clubs einen BBL-Lizenzantrag gestellt, was einen kontinuierlichen Anstieg in der letzten Jahre bedeutet. Das zeigt, dass die Ambitionen in der zweiten Liga wachsen und sich mehr Vereine ernsthaft mit dem Sprung nach oben beschäftigen.

Dazu kommen die Aufsteiger der jüngeren Vergangenheit: Jena, Trier, Rostock, Vechta und Frankfurt haben sich nach ihren Aufstiegen in der BBL behauptet und zwischenzeitlich für mächtig Aufsehen gesorgt. Dazu kehrt Phoenix Hagen als starkes Symbol zurück: ein traditionsreicher Club, der jahrelang aufgebaut und investiert hat, bis er die Anforderungen der BBL erfüllen konnte. Das ist das Ergebnis von Geduld, Struktur, harter Arbeit und dem richtigen Umfeld.

Kirchheim und Karlsruhe stehen nicht allein. Sie stehen für eine Spannung, die den deutschen Basketball seit Jahren begleitet: zwischen dem Wunsch nach sportlicher Durchlässigkeit und dem Anspruch an wirtschaftliche Stabilität in der ersten Liga. Ob das Lizenzierungsmodell der BBL die richtige Antwort auf diese Spannung ist, ob flexiblere Übergangslösungen oder mehr städtische Unterstützung helfen könnten, bleibt offen. Was die letzten Jahre aber gezeigt haben: Wer aufsteigen will, muss mehr leisten als guten Basketball, und manchmal ist genau das der kompliziertere Teil.

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