Autor: Joseph Ritter

  • Niemand hat die Absicht, den Fußball zu verkaufen – irgendwoher kennen wir das doch?

    Niemand hat die Absicht, den Fußball zu verkaufen – irgendwoher kennen wir das doch?

    Zugegeben, der Vergleich hinkt nicht nur, er sitzt im Rollstuhl. Genauso daneben ging meine These in meinem letzten Beitrag, dass die FIFA und ihr Präsident Gianni Infantino nicht verlieren können, egal was sie anstellen. Wie schnell man sich täuschen kann. Denn was sich in den vergangenen Tagen abspielte, war nichts Geringeres als der größte Rückschlag, den Infantino in seiner gesamten Amtszeit erlebt hat – und er hat ihn sich selbst zuzuschreiben.

    Was war überhaupt sein Plan?

    Um zu verstehen, warum diese Geschichte so brisant ist, muss man erst einmal erklären, was Infantino da eigentlich vorhatte. Am 28. Juli verkündete die FIFA offiziell die Gründung einer neuen kommerziellen Tochtergesellschaft namens FIFA Forward Enterprise, kurz FFE. In dieser Gesellschaft sollten sämtliche kommerziellen Aktivitäten des Weltverbands gebündelt werden: Übertragungsrechte, Sponsoring, Ticketing und Lizenzgeschäfte für die Männer- und Frauen-Weltmeisterschaften sowie die Klub-Weltmeisterschaft.

    Das eigentlich Brisante daran: Die FIFA wollte bis zu 20 Prozent dieser neuen Gesellschaft an private, externe Investoren verkaufen. Insgesamt sollte das FFE mit 20 Milliarden Dollar bewertet werden, wobei die FIFA durch den Verkauf der Anteile 4,2 Milliarden Dollar frisches Kapital einsammeln wollte. Angeführt werden sollte diese Investorengruppe von Thrive Eternal, einem Investmentvehikel von Joshua Kushner, seines Zeichens Bruder von Jared Kushner, Donald Trumps Schwiegersohn.

    Als Gegenleistung versprach Infantino den 211 Mitgliedsverbänden der FIFA eine deutliche Erhöhung ihrer Fördermittel: Statt bisher acht Millionen Dollar pro Vierjahreszyklus sollten es künftig 20 Millionen Dollar werden, steigend auf bis zu 24 Millionen Dollar in den Zyklen bis 2038. Wer bis zum 19. September zustimmte, sollte zusätzlich sofort 40 Millionen Dollar als eine Art Antrittsprämie erhalten. Ein Plan, über den außer Infantino selbst und den bereits handverlesenen Investoren offenbar niemand Bescheid wusste, bis der Chefsportreporter der britischen Zeitung The Times, Martyn Ziegler, die Pläne öffentlich machte. Man wollte den Fußball, ganz offen gesagt, endgültig verkaufen.

    Ein Zusammenhalt, den es so noch nie gab

    So einen Schulterschluss der Fußballwelt hat man zuletzt bei den Plänen der European Super League gesehen, und man dachte damals, man hätte das Schlimmste überstanden. Bis vor wenigen Tagen. Es dauerte keine 24 Stunden, bis die UEFA reagierte: In einer offiziellen Erklärung kündigte der europäische Verband an, dass alle 55 Mitgliedsverbände sämtliche FIFA-Turniere boykottieren würden, sollte der Plan tatsächlich umgesetzt werden. „Die Weltmeisterschaft sollte niemals als finanzielles Anlageobjekt betrachtet werden”, hieß es in der UEFA-Stellungnahme. Einen Satz, der so klar und geschlossen formuliert war, hat man von diesem Verband bisher selten gehört.

    Einen solchen Zusammenhalt hat es im europäischen, vermutlich sogar im gesamten Weltfußball noch nie gegeben. Warum genau diese Entschlossenheit bei der WM in Katar gefehlt hat, steht auf einem anderen Blatt und hat mit diesem Thema wenig zu tun – aber man stelle sich einmal ernsthaft vor, wie eine Weltmeisterschaft ohne europäische Beteiligung aussehen würde. Von den vier Halbfinalisten der gerade zu Ende gegangenen WM 2026 kamen drei aus Europa, von den acht Viertelfinalisten sechs. Eine WM ohne Europa wäre für die halbe Fußballwelt schlicht uninteressant, die TV-Sender würden drastisch weniger zahlen, Werbedeals sprechen einen Großteil der Zuschauer nicht mehr an. Kurz gesagt: die FIFA würde Milliarden verlieren. Der drohende Kollaps war real.

    Noch brenzliger wurde es für Infantino, als sich mit der CONCACAF und der AFC die Kontinentalverbände Nordamerikas sowie Asiens der UEFA anschlossen und ebenfalls klarmachten, dass sie den Plan nicht mittragen würden. Spätestens an diesem Punkt war klar: Ohne die nötige Mehrheit von über 106 der 211 Stimmen würde dieser Plan niemals durchkommen.

    Der eigentliche Grund für den Rückzieher

    Am Freitagabend, dem 31. Juli, verkündete Infantino schließlich, dass das Projekt nicht weiterverfolgt werde. Man habe alle Meinungen sorgfältig angehört, und es sei klar geworden, dass das Projekt Spaltungen hervorgerufen habe, die dem eigentlichen Ziel nicht mehr dienten, so seine offizielle Begründung.

    Gerüchten zufolge, und diese Gerüchte klingen deutlich glaubwürdiger als Infantinos offizielle Erklärung, lag der wahre Grund aber woanders. Kurz vor der offiziellen Absage berichtete die New York Post, dass Joshua Kushner sich zurückgezogen habe, weil das Projekt für sein Unternehmen zu einem regelrechten Reputationsalbtraum geworden war. Mit dem Rückzug der Kushner-Investorengruppe fehlte dem gesamten Plan sein wichtigstes finanzielles Fundament.

    Und dann kam in der Nacht auf den 01. August noch die Information, die dem gesamten Vorgang eine völlig neue, noch bitterere Note verleiht. Martyn Ziegler von The Times, der die gesamte Geschichte von Anfang an aufgedeckt hatte, berichtete unter Berufung auf Whistleblower, dass Infantino für seine Rolle an der Spitze der neuen Gesellschaft ein Gehalt von 30 Millionen Dollar plus Boni angepeilt hatte. Das ist bemerkenswert, weil Infantino öffentlich stets betont hatte, dass er sich durch das Projekt persönlich nicht bereichern würde. Diese Behauptung erfährt durch Zieglers Quellen nun das genaue Gegenteil. Zur Einordnung: Infantinos regulärer Verdienst als FIFA-Präsident lag 2025 bei rund 6 Millionen Dollar. Mit dem FFE hätte sich diese Summe also mehr als verfünffacht.

    Nicht Einsicht hat Infantino zum Umdenken bewegt, sondern eine Kombination aus dem Rückzug seines wichtigsten Geldgebers und der Angst vor noch mehr Enthüllungen dieser Art, die das Projekt endgültig unhaltbar gemacht hätten. Verschärft wurde die Lage zusätzlich dadurch, dass sich mehrere FIFA-Sponsoren in den vergangenen Tagen alarmiert bei der Organisation gemeldet haben sollen. Sie sollen besorgt darüber sein, wie sich die jüngsten Ereignisse rund um Infantino und andere FIFA-Funktionäre auf das eigene Markenimage auswirken könnten. Wenn selbst die Geldgeber, die eigentlich am meisten von der globalen Reichweite der FIFA profitieren, öffentlich Distanz suchen, weiß man, wie tief der Schaden inzwischen sitzt.

    Ist Infantino nach dieser Nummer überhaupt noch tragbar?

    Man muss das einmal so hart formulieren, wie es ist: Wer es schafft, dass ausgerechnet Sepp Blatter im Vergleich wie ein Samariter wirkt, hat den Job als FIFA-Präsident eigentlich nicht mehr verdient. Blatter stand für Korruption, Vetternwirtschaft und Skandale, aber selbst er hätte es sich vermutlich zweimal überlegt, den Fußball derart offen und ohne jede Rücksprache mit seinen eigenen Mitgliedsverbänden an eine Investorengruppe zu verkaufen, die ausgerechnet mit der Familie des amtierenden US-Präsidenten verbunden ist, während er selbst sich dabei ein Gehalt sichern wollte, das seine bisherigen Bezüge um ein Vielfaches übersteigt.

    Wie tief das Vertrauen inzwischen zerstört ist, zeigt die eigene Stellungnahme der UEFA, die es an Deutlichkeit kaum zu überbieten gibt: Man habe das Vertrauen in Infantino und die FIFA verloren, hieß es dort wörtlich. Die UEFA erinnerte dabei gezielt an zwei zentrale Versprechen, mit denen Infantino 2016 erstmals für das Präsidentenamt angetreten war: „Wir müssen transparent sein” und „Das Geld der FIFA ist euer Geld, und nicht das des FIFA-Präsidenten”. Beide Versprechen, so die UEFA, habe Infantino nicht eingehalten. Der „schäbige, im Hinterzimmer ausgeheckte, undurchsichtige Deal”, den er habe durchsetzen wollen, sei alles andere als transparent gewesen – und angesichts von FIFA-Reserven von über 5 Milliarden Dollar habe er es zudem versäumt, das Geld der Verbände tatsächlich zum Nutzen des Sports einzusetzen. Das ist keine gewöhnliche Kritik mehr, wie man sie zwischen Verbandsfunktionären gelegentlich austauscht. Das ist eine öffentliche Abrechnung mit der Grundlage, auf der Infantino sein gesamtes Amt aufgebaut hat.

    Und dennoch: Infantino wird bei der Präsidentschaftswahl im März 2027 in Rabat aller Voraussicht nach trotzdem wiedergewählt werden. Er hat die Unterstützung zahlreicher afrikanischer, asiatischer und südamerikanischer Verbände sicher, und es gibt schlicht keinen ernstzunehmenden Gegenkandidaten. Das lose Gerücht, dass die UEFA großes Interesse an PSG-Boss Nasser Al-Khelaifi als möglichem FIFA-Präsidenten hätte, hielt sich keine fünf Minuten. Ein Sprecher des Katarers ließ verlauten, Al-Khelaifi habe „absolut keine Ambition, keine Absicht und kein Interesse” an dem Amt. Damit bleibt Infantino faktisch konkurrenzlos, ganz egal, wie sehr sein Ansehen durch diese Episode gelitten hat und ganz egal, wie offen selbst seine engsten Partner ihm inzwischen das Vertrauen entziehen.

    Ein Schatten, der bleiben wird

    Dieser „schäbige Plan”, wie ihn die UEFA in ihrer offiziellen Stellungnahme nannte, wird trotz seines Scheiterns wie ein dunkler Schatten über Infantinos Büro in Zürich hängen bleiben und seine – leider vor allem wirtschaftlich betrachtet sehr erfolgreiche – Amtszeit nachhaltig trüben. Man kann ihm die gestiegenen Einnahmen und die gewachsene globale Reichweite des Weltfußballs unter seiner Führung nicht absprechen. Aber man wird ihm auch nicht mehr absprechen können, dass er bereit war, das wertvollste Kulturgut des Fußballs im Stillen und ohne Rücksprache an eine Investorengruppe zu verkaufen, die zufällig mit dem Schwiegersohn des amerikanischen Präsidenten verbunden ist.

    Aber er wäre ja nicht Gianni, wenn er nicht noch ein Ass im Ärmel hätte.

  • Ein Sieger, zwei Gewinner: Die WM 2026 und der unaufhaltsame Triumph der FIFA

    Ein Sieger, zwei Gewinner: Die WM 2026 und der unaufhaltsame Triumph der FIFA

    Das war sie also, die größte Fußball-Weltmeisterschaft aller Zeiten. 104 Spiele, 48 Nationen, 1 Sieger, 2 Gewinner – und Millionen Verlierer?
    Sportlich hat Spanien absolut verdient gewonnen, bezwang Argentinien um Altmeister Lionel Messi nach Verlängerung mit 1:0 durch das Tor von Ferran Torres und sicherte sich damit den zweiten WM-Titel nach 2010. Der eigentliche Sieger des Turniers steht aber nicht auf dem Rasen, sondern residiert in Zürich und hört auf den Namen FIFA.

    Die Zahlen, die für sich sprechen

    Fangen wir mal damit an, was am Ende immer zählt: dem Geld. Die FIFA wird aus dem Geschäftszyklus 2023 bis 2026 rund 13 Milliarden Dollar Einnahmen generieren, wovon etwa 8,9 Milliarden alleine auf die WM 2026 selbst entfallen. Man muss diese Zahl zwar differenziert betrachten, weil die Aufstockung auf 48 teilnehmende Mannschaften naturgemäß auch mehr Spiele, mehr Vermarktungsfläche und mehr Ticketverkäufe bedeutet. Aber selbst unter diesem Vorbehalt ist es nahezu eine Verdopplung im Vergleich zu Katar 2022. Die FIFA hat mit dieser WM bewiesen, dass sich ihr Produkt beliebig skalieren lässt, ohne dass die Nachfrage auch nur ansatzweise nachlässt.
    Genau das ist auch der Punkt, der einen schon fast etwas deprimiert zurücklässt, wenn man diese Institution nur versucht, etwas kritisch zu betrachten: Die FIFA scheint nicht verlieren zu können, egal was sie tut.

    Ein Land, ein Präsident, aber kein Skandal, der bleibt

    Die Menschen haben das Produkt WM zu horrenden Ticketpreisen angenommen und sind bereitwillig in ein Land gereist, dessen politische Lage man vorsichtig als fragwürdig bezeichnen kann, angeführt von einem Staatsoberhaupt, das ebenso fragwürdig ist. Und dann kam der Moment, der eigentlich für einen handfesten Skandal hätte sorgen müssen: Als der US-Stürmer Folarin Balogun im Sechzehntelfinale wegen eines Trittes die rote Karte sah, rief Donald Trump persönlich bei FIFA-Präsident Gianni Infantino an, um eine Überprüfung der Sperre zu fordern. Wenige Tage später wurde die automatische Sperre tatsächlich aufgehoben – zum ersten Mal seit 1962, dass die FIFA eine Rote-Karten-Sperre bei einer Weltmeisterschaft rückgängig machte.

    Infantino beteuerte danach zwar, die Justizorgane der FIFA seien unabhängig und würden autonom entscheiden, räumte aber im selben Atemzug ein, mit Trump telefoniert zu haben. Man muss sich das einmal vorstellen: Der Präsident eines Gastgeberlandes ruft den Chef der ausrichtenden Organisation an, und wenige Tage später wird eine Entscheidung, die laut FIFA-Reglement gar nicht anfechtbar war, plötzlich doch rückgängig gemacht. Kritiker sprachen von einem gefährlichen Präzedenzfall und der Frage, wohin die FIFA damit eigentlich steuert. Zu Recht.
    Und was ist passiert? Kaum etwas. Ein paar Tage Empörung in den Medien, ein paar kritische Kommentare, und dann ging das Turnier einfach weiter, als wäre nichts gewesen. Die Proteste, die diese Einmischung eigentlich hätte auslösen müssen, blieben aus. Heute, wenige Tage nach dem Finale, redet kaum noch jemand davon.

    Die Geschichten, die dieses Turnier trotzdem groß gemacht haben

    Bei aller berechtigten Kritik muss man fair bleiben: Diese WM hat auch wieder wunderbare Geschichten geschrieben, wie es nur ein Turnier dieser Größe kann. Das Märchen der Kap Verde, die sich in ihrer allerersten WM-Teilnahme unbesiegt bis in die K.o.-Runde spielten und dem Titelverteidiger und späteren Finalisten Argentinien in der Runde der letzten 32 bis an die Grenze brachten, war einer der schönsten Handlungsstränge des gesamten Turniers. Norwegens fulminantes Comeback auf die große Fußballbühne nach jahrzehntelanger Abstinenz und der Auftritt des Inselstaates Curaçao, der sich als kleinste je qualifizierte Nation überhaupt für eine WM durchsetzte, zeigten einmal mehr, warum dieser Sport Millionen Menschen weltweit fasziniert.

    Und dann war da noch die Art und Weise, wie Menschen aus aller Welt zusammen feierten, tanzten und friedlich für ihre Nationen die Stimme erhoben – ein Bild, das jedes Fußballherz höherschlagen lässt und Romantiker hoffen lässt, dass König Fußball sich vielleicht doch noch nicht ganz den Kommerzialisten und Investoren ergeben hat.

    Zwei egozentrische Systeme, angeführt von zwei Selbstdarstellern

    Leider ändert das alles nichts an der Grunddiagnose: Die USA und die FIFA sind zwei egozentrische Systeme, die derzeit von zwei der größten Selbstdarsteller der Gegenwart angeführt werden. Bezeichnend war die Pokalübergabe selbst, bei der Trump sich weigerte, aus dem Bild zu gehen, während die spanische Mannschaft ihren Titel feiern wollte, sodass Infantino ihn letztlich bitten musste, zur Seite zu treten. Vermutlich konnte er es einfach nicht ertragen, dass er in diesem Moment nicht selbst im Rampenlicht stand und die Bühne anderen überlassen musste.
    Und dieser Reflex ist kein Einzelfall. Fast exakt ein Jahr zuvor, im selben Stadion, an derselben Stelle, hatte Trump bereits bei der Übergabe des Pokals der Klub-Weltmeisterschaft an den FC Chelsea dasselbe Verhalten gezeigt.

    Infantino gewinnt wieder – und das konkurrenzlos

    Für Gianni Infantino ist diese WM einmal mehr ein voller Erfolg, und die Zahlen geben ihm und seinen Ideen Recht, ganz egal wie man ethisch zu einzelnen Entscheidungen steht. Er wird bei der nächsten FIFA-Präsidentschaftswahl konkurrenzlos wiedergewählt werden und weiterhin mit freier Hand den größten Sport der Welt verändern und regieren können, ohne dass ihm ernsthaft jemand in den Weg tritt. Die FIFA muss sich um ihr Produkt keine Sorgen machen – die Menschen kommen, egal was passiert, egal wie teuer die Tickets sind, egal wie fragwürdig die politischen Begleitumstände sind.
    Und deshalb lautet meine These schon jetzt: Die Boykottaufrufe für die WM 2034 in Saudi-Arabien werden buchstäblich wieder im Sande der arabischen Wüste verlaufen, genau so, wie sie es bereits in Katar 2022 getan haben. Die Fußballromantik wird bleiben, die Geschichten von Außenseitern wie Kap Verde werden weiter geschrieben werden, vielleicht ja sogar dann mit 64 Nationen. Aber am eigentlichen Machtgefüge, an der Frage, wer bei diesem Sport wirklich profitiert, wird sich nichts ändern. König Fußball hat sich den Kommerzialisten längst nicht ergeben. Er hat mit ihnen fusioniert.

  • Drei Deutsche, eine Nacht, ein Zeichen: Was das NBA Draft 2026 über den deutschen Basketball aussagt

    Drei Deutsche, eine Nacht, ein Zeichen: Was das NBA Draft 2026 über den deutschen Basketball aussagt

    Es gibt Momente im Sport, die man erst im Nachhinein richtig einordnen kann, und die Nacht vom 23. auf den 24. Juni im Barclays Center in Brooklyn, New York könnte einer davon sein. Mit Hannes Steinbach, Christian Anderson Jr. und Jack Kayil wurden gleich drei deutsche Basketballer im selben Jahr gedraftet. Zwei davon in der ersten Runde, beide vom selben Team. Die Zahl der deutschen NBA-Spieler stieg somit auf insgesamt 21.
    Der folgende Beitrag handelt aber weniger vom Draft selbst. Er handelt davon, wie ein Land, das Basketball lange als Randsportart behandelt hat, still und leise zur ernstzunehmenden Basketballnation geworden ist – und was noch fehlt, um dieses Bild zu vervollständigen.

    Von Randnotizen zu Regelmäßigkeiten

    Um zu verstehen, warum diese Nacht so bedeutsam ist, muss man zurückgehen. 41 Jahre um genau zu sein. 1985 wurden Detlef Schrempf und Uwe Blab in derselben Draft Night gepickt. Das war damals nicht mehr als ein Zufall und hat in Deutschland wahrscheinlich nur die absoluten Sportnerds und Basketball-Cracks interessiert. Dieser „Zufall“ wirkt rückwirkend aber eher wie ein statistischer Ausreißer als der Beginn einer Entwicklung.
    Schrempf entwickelte sich tatsächlich zu einem echten NBA-Starter, dem allerersten europäischen All-Star (insgesamt 3x) und zweimaligem Sixth Man of the Year (bester Einwechselspieler). Uwe Blab blieb gleichzeitig nur eine fünfjährige NBA-Karriere vergönnt, bevor er nach Europa zurückkehrte. Den Titel des ikonischeren Spitznamen nahm er aber mit, wegen seiner roten Haare und schwindelerregenden Größe von 2,16m wurde er zum „Burning Skyscraper“ ernannt.

    Nach diesen beiden Pionieren folgte aber fast ein ganzes Jahrzehnt Stille, bis 1993 ein gewisser Shawn Bradley bereits an zweiter Stelle von den Dallas Mavericks gedraftet wurde. Streng genommen hatte Bradley wenig mit Deutschland zu tun, da seine Eltern beide Amerikaner waren und er auf der Militärstation in Landstuhl geboren wurde und nur dadurch die deutsche Staatsbürgerschaft bekam. Da er aber für die deutsche Nationalmannschaft auflief, zählt er offiziell in die Statistik mit ein. Obwohl er mit 2,29m nochmal 13cm größer als Blab ist und damit zu den größten NBA-Spielern aller Zeiten gehört, hatte man sich bei der Suche nach seinem Spitznamen nur auf seinen religiösen Hintergrund beschränkt: „The Stormin‘ Mormon“ entstand durch seine Kindheit im Bundesstaat Utah und weil er seine Nachwuchskarriere für eine zweijährige Missionierung unterbrach. So viel zu den Nebensächlichkeiten.

    1998 kam dann der Moment, der deutschen Basketball für immer verändern sollte: Dirk Nowitzki wurde an Nummer 9 von den Milwaukee Bucks gedraftet und weitergegeben an die Dallas Mavericks, so wie wir ihn alle kennen.
    Nowitzki muss ich an dieser Stelle nicht noch einmal ausführlich würdigen. Aber eine Erwähnung ist natürlich Pflicht. Ohne seine 21 Jahre Beständigkeit in der NBA, ohne seinen MVP-Titel 2007, ohne die Championship 2011 gäbe es keine Schröder-Generation, keine Wagner-Brüder und keinen Draft 2026 mit drei Deutschen. Denn er hat als Erster den Beweis erbracht, dass deutsches Basketballtalent nicht nur in Nebenrollen NBA-tauglich ist und alles danach auf diesem Beweis aufbaut.

    Dennoch folgte nach Dirk erneut eine lange Pause. Erst 2010 tauchte mit Tibor Pleiß wieder ein Deutscher im Draft auf. Zwar nahm seine NBA-Karriere nie wirklich Fahrt auf, dennoch markierte sein Pick einen Wendepunkt. Ab 2012 begann etwas, das man heute als System erkennen kann – und der Graph, der diese Entwicklung visualisiert, erzählt eine Geschichte, die für sich spricht.

    Was der Graph auf einen Blick zeigt, ist das, was sich in Zahlen nur schwer ausdrücken lässt: wie lange nichts passierte, und wie schnell sich das dann änderte. Zwischen Schrempf und Blab 1985 und dem nächsten deutschen Pick lagen 2 Jahre, zwischen Bradley und Nowitzki 5, und zwischen Nowitzki und Pleiß ganze 12 Jahre, in denen kein einziger Deutscher im Draft auftauchte. Das war allerdings keine unglückliche Pechsträhne, sondern totaler Normalzustand. Ab 2013 verändert sich das Bild dann aber grundlegend, die Lücken zwischen deutschen Draft-Picks werden kürzer, die Häufung nimmt zu und 2017 landen zum ersten Mal 3 Deutsche in derselben Draft-Klasse, wovon aber nur Isaiah Hartenstein am Ende gedraftet wurde. Und nun werden 2026 sogar alle drei tatsächlich gedraftet. Der große Unterschied zwischen diesen beiden Drafts liegt aber vor allem im Kontext dahinter. Während 2017 die drei Deutschen noch mit sehr unterschiedlichen Karriereperspektiven zum Draft kamen, kommen Steinbach, Anderson und Kayil aus einem eigens entwickelten System, dessen Ursprünge ich in den folgenden Abschnitten erkläre.

    2013: Die eigentliche Initialzündung

    Dennis Schröder wurde 2013 von den Atlanta Hawks an Position 17 gedraftet und entwickelte sich in den Folgejahren zu einem der verlässlichsten Point Guards der Liga. Nie als überstrahlender Superstar, mittlerweile auch eher als unfreiwilliger Wandervogel bekannt, aber immer als jemand, der über mehr als ein Jahrzehnt konstant wichtige NBA-Minuten bekam, sich in verschiedenen Systemen und Teams behauptete und dabei immer wieder bewies, dass sein Weg kein Zufall war. Was er damit für den deutschen Basketball leistete, geht weit über seine eigene Karriere hinaus, weil er einer ganzen Generation junger Deutscher zeigte, dass der Weg in die NBA planbar ist, wenn man bereit ist, ihn konsequent zu gehen. Seitdem gab es kaum einen Draft, ohne einen deutschen Namen auf der Liste, und das diesmal auch keine Glückssträhne, sondern das sichtbare Ergebnis einer Entwicklung, die 1998 mit Nowitzki begann und 2013 mit Schröder die entscheidende zweite Stufe zündete.

    WM 2023: Der Moment, der alles beschleunigt hat

    Wenn man aus der ganzen Entwicklung einen einzelnen Moment benennen müsste, der den deutschen Basketball international neu positioniert hat, dann war es kein Draft-Pick oder Vertragsabschluss, sondern der 10. September 2023 in Manila, als Deutschland Basketballweltmeister wurde, Serbien, allerdings ohne Superstar Nikola Jokic, besiegte und Dennis Schröder zum Turnier-MVP gekrönt wurde. Was dieser Titel für die internationale Wahrnehmung bedeutete, lässt sich aus deutscher Sicht kaum überschätzen, denn internationale Scouts, die deutsche Spieler bis dahin vielleicht nur seitwärts wahrnahmen, schauten nun genauer hin. Die Kombination aus Franz und Moritz Wagner, Schröder und einer Mannschaftstiefe, die niemand erwartet hatte, sendete ein klares Signal: Deutschland produziert nicht nur vereinzelte NBA-taugliche Spieler, sondern eine Mannschaft, die auf höchstem internationalen Niveau bestehen kann. Für unsere Talente Steinbach, Anderson und Kayil war dieser Moment sehr wahrscheinlich ein persönlicher Karrierebeschleuniger, weil man plötzlich in einem Land spielte, dessen Basketballtrikot plötzlich international Gewicht hatte.

    Hannes Steinbach – der Dirk’sche Weg aus Würzburg

    Steinbachs Geschichte ist in gewisser Weise die klassischste der drei, weil sie zeigt, wie ein Talent, das auf dem richtigen Fundament aufbaut, Schritt für Schritt durch alle richtigen Türen geht. Und das liegt nicht nur daran, dass er wie Dirk Nowitzki aus Würzburg stammt. Er durchlief das Nachwuchsprogramm der Würzburg Baskets und zeigte in der NBBL (U19-Bundesliga) mit 23 Punkten, 13,6 Rebounds und 1,7 Blocks pro Spiel früh, dass er in seiner Altersklasse einfach in einer anderen Dimension spielte. Mit 18 Jahren rückte er bereits in den Profikader auf und lieferte in der BBL seine ersten Minuten.

    Den entscheidenden Schritt machte er im Sommer 2024, als er zur University of Washington wechselte und dort in seiner ersten und einzigen College-Saison sofort alles richtig machte. In 30 Spielen, alle als Starter, legte er 18,5 Punkte und 11,8 Rebounds bei einer Feldwurfquote von 57,7% auf. Er führte die gesamte NCAA in Rebounds an und verbuchte ligaweit die meisten Double-Doubles (zweistellig in zwei Statistiken, hier: Punkte & Rebounds) mit 22 an der Zahl. Diese Zahlen untermauern, warum Steinbach ein „One-and-Done“-Spieler ist (Talente, die nach nur einer Saison am College in die NBA gehen).

    International hatte er dieses Potenzial längst angedeutet: Bei der U18-EM 2024 legte er 15,4 Punkte und 12,7 Rebounds auf und bei der U19-WM 2025 in der Schweiz war er mit 17,4 Punkten und 13 Rebounds pro Spiel der dominante Big Man des Turnier, führte Deutschland zur Silbermedaille, erzielte im Finale gegen die USA 19 Punkte als Top-Scorer und wurde ins All-Star Team gewählt. Folglich drafteten ihn die Charlotte Hornets in jener Nacht an Position 14.

    Christian Anderson Jr. – die unwahrscheinlichste Geschichte

    Wenn Steinbachs Weg der geradlinigste ist, dann ist Andersons der internationalste und in vielerlei Hinsicht der unwahrscheinlichste. Er wurde am 2. April 2006 in Atlanta, Georgia geboren, wuchs in den USA als Sohn eines Vaters auf, der selbst Profibasketball in Deutschland spielte. Genau dieser Hintergrund öffnete ihm die Tür zum deutschen Nachwuchssystem, für das er sich mit einer Konsequenz und einem Erfolg empfahl, die in der Geschichte des DBB-Nachwuchses kaum Vergleichbares kennt.

    Seine Medaillenbilanz erzählt diese Geschichte am deutlichsten: Bronze beim European Youth Summer Olympic Festival 2022 als Topscorer des Teams, Gold bei der FIBA U16 EM Division B mit 16,5 Punkten und Turnier-MVP, Bronze bei der U18 EM 2023 und dann 2024 beim U18 EuroBasket in Finnland der absolute Höhepunkt seiner Jugendkarriere, als er Deutschland im Finale gegen Titelverteidiger Serbien mit 31 Punkten, 5 Assists und 4 Rebounds quasi im Alleingang zum ersten U18-EM-Gold der deutschen Geschichte führte und ins All-Star Team gewählt wurde. Bei der U19-WM 2025 war er mit 17,3 Punkten und 6,6 Assists der Spielmacher der Silbermedaillen-Mannschaft und stand ebenfalls im All-Star Team.

    Auf dem Court in den USA legte Anderson einen Weg hin, der ebenfalls alles andere als selbstverständlich war. An der Oak Hill Academy in Virginia, einer der bekanntesten Basketball-High-Schools der USA, machte er zuerst auf sich aufmerksam. Nach seiner High-School entschied er sich für das Programm an der University of Michigan. Allerdings löste er dieses Commitment auf, nachdem der damalige Headcoach Juwan Howard entlassen wurde und schloss sich der Texas Tech University in Lubbock, Texas an.

    In seiner ersten Saison lieferte er solide, aber noch unauffällige Zahlen, was bei einem 18-Jährigen in einem der renommiertesten College-Programme der USA keine Schande war. Die zweite Saison war dann der Quantensprung, auf den alle gewartet hatten: 18,5 Punkte, 7,4 Assists und 3,6 Rebounds bei 47,2 Prozent aus dem Feld und 41,5 Prozent von der Dreierlinie. Seine 7,4 Assists pro Spiel waren der drittbeste Wert im gesamten College-Basketball, beim Pre-Draft-Combine traf er 27 von 30 Würfen. Auch hier griffen die Charlotte Hornets zu, diesmal an Position 18.

    Jack Kayil – der Berliner Weg

    Kayils Geschichte ist die deutscheste der drei, und zwar nicht nur geografisch. Er wuchs in Berlin auf, durchlief die Nachwuchsabteilung von ALBA Berlin und bewies früh sein internationales Format: U16-EM-Gold 2022, U18-EM-Bronze 2023, U18-EM-Gold 2024. Für mehr Spielzeit auf höherem Niveau wechselte er vorübergehend zu KK Mega Basket nach Serbien in die dortige ABA League – eine Entscheidung, die zeigt, dass er seinen Entwicklungsweg selbst aktiv gestaltete, statt in Berlin auf Einsatzzeit zu warten. Nach dieser Erfahrung kehrte er 2025 zurück zu ALBA, und die abgelaufene Saison war seine stärkste: 12,4 Punkte, 3 Assists und 3,4 Rebounds in der BBL, bester U22-Spieler, bester Jungprofi in der Basketball Champions League und deutscher Meister.

    Gemeinsam mit Steinbach und Anderson gewann er bei der U19-WM 2025 in der Schweiz die Silbermedaille – und dieser Moment verbindet die drei auf eine Weise, die man sich merken sollte: Sie sind nicht drei zufällig gleichzeitig aufgetauchte Talente, sondern eine Generation, die gemeinsam gewachsen ist, sich auf internationalen Parketts kennt und bereits bewiesen hat, dass sie zusammen gewinnen kann.

    Houston draftete ihn in der zweiten Runde an Position 39 und gab ihn aber sofort zum amtierenden Meister, den New York Knicks. Ein Champion zu einem Champion also. Übrigens: Wer meinen Beitrag zu den Knicks verpasst hat, einmal hier klicken.

    Eine Frage, die niemand laut stellt

    Steinbach ging nach seinem ersten Profijahr an die University of Washington. Anderson spielte für Texas Tech. Die Wagner-Brüder verließen Deutschland früh gen University of Michigan. Schröder hingegen wich dem College-Umweg aus und kam trotzdem direkt in die NBA. Das war allerdings 2013. Die Scouting-Landschaft hat sich seitdem grundlegend verändert. Das Muster ist heute klar: Wer ernsthaft in die NBA möchte, verlässt Deutschland in einem bestimmten Entwicklungsstadium, weil die NCAA (die nordamerikanische Liga für Hochschulsport) in Sachen Athletik, Scouting-Dichte und täglicher Konfrontation mit gleichaltrigen Top-Talenten eine Umgebung bietet, die Europa strukturell noch nicht replizieren kann.

    Das ist keine Kritik an der BBL, die in den vergangenen Jahren beeindruckende Fortschritte gemacht hat: Zuschauerrekord von 4.676 Fans pro Spiel in der Saison 2024/25, Gesamtumsatz von 160,8 Millionen Euro, TV-Reichweite um 31 Prozent auf 244 Millionen kumulative Zuschauer gestiegen. Das sind starke Zahlen, die eine echte Entwicklung belegen. Aber: für ein Talent auf dem Niveau Steinbach oder Anderson ist die Leistungsdecke in Deutschland schlicht zu niedrig, um sich bestmöglich auf die NBA vorzubereiten, und das zeigt, dass der Aufschwung des deutschen Basketballs bei aller berechtigten Euphorie noch längst nicht an seinem Endpunkt angekommen ist.

    Die Kehrseite der Medaille

    Seit 2010 haben fünf deutsche Spieler den Weg in die NBA gefunden und ähnlich schnell wieder verlassen, ohne sich dauerhaft zu etablieren: Tibor Pleiß, Paul Zipser, Isaac Bonga, Tim Ohlbrecht und Elias Harris wurde allesamt gedraftet oder unter Vertrag genommen und fanden dennoch den Weg zurück nach Europa. Das ist keine Schande – die NBA ist ohne Zweifel die härteste Selektion im Weltbasketball, und es scheitert sogar die Mehrheit aller Draft-Picks weltweit an diesem Übergang – aber es schärft den Blick für das, was Steinbach, Anderson und Kayil nun wirklich vor sich haben, weil die Nacht im Barclays Center und gedraftet werden war Stand jetzt der einfachste Teil.

    Franz Wagner als Maßstab

    Wer verstehen will, wohin dieser Weg führen kann schaut nach Orlando, Florida. Franz Wagner, 2021 an Position 8 gedraftet, hat in kürzester Zeit eine Karriere aufgebaut, die alle Dimensionen sprengt. Mit seinem Maximalvertrag über garantierte 224 Millionen Doller ist er nicht nur erwiesenermaßen einer der besten Spieler seiner Position in der NBA, sonder auch der bestbezahlteste deutsche Sportler aller Zeiten, vor allen Fußballern, Formel-1-Fahrern, einfach vor allen.

    Zum Vergleich: Dirk Nowitzki verdiente in seinen ganzen 21 Jahren in der NBA insgesamt 255 Millionen Dollar. Wagner erreicht beinahe dieselbe Summe mit einem einzigen Vetrag. Das ist nun keinesfalls ein Maßstab für Qualität, sondern ein Zeichen dafür, wie drastisch die NBA-Gehälter in zwei Jahrzehnten gewachsen und dass Wagner ganz oben mitschwimmt. Ein 22-Jähriger aus Berlin, der mit einem einzigen Vertragsabschluss mehr verdient als Deutschlands größte Sportlegende in zwei Jahrzehnten. Dieser Satz alleine erzählt, wo der deutsche Basketball heute steht.

    Was nun folgt

    Wenn Steinbach, Anderson und Kayil sich in der NBA festsetzen sollten, könnten zeitweise bis zu zehn Deutsche gleichzeitig auf NBA-Parketts stehen – ein Rekord, der noch vor wenigen Jahren undenkbar schien. Charlotte hat mich Steinbach und Anderson zwei junge Bausteine geholt, denen ein aufbauendes Team bewusst Raum und Zeit geben wird und Kayil landet beim amtierenden Meister. Dort hat er mit Ariel Hukporti einen weiteren Deutschen als möglichen Aufhänger, der ihm als Mentor zur Seite stehen kann.

    Drei verschiedene Ausgangssituationen, drei verschiedene Werdegänge, eine gemeinsame Grundlage: Sie kennen sich, sie haben gemeinsam gewonnen und sie wissen was es bedeutet, unter Druck zu liefern. Der deutsche Basketball hat in den vergangenen 15 Jahren eine Entwicklung hingelegt, die sich gewaschen hat. Das Draft 2026 ist das bisher deutlichste Zeichen dafür, dass diese Entwicklung noch kein Ende in Sicht hat.

  • Das Mekka des Basketballs darf wieder feiern: Die New York Knicks sind NBA Champion

    Das Mekka des Basketballs darf wieder feiern: Die New York Knicks sind NBA Champion

    Es gibt Momente im Sport, auf die man jahrelang wartet. Für das stolze New York City war der 14. Juni 2026 einer davon. Zum ersten Mal seit 1973 sind die New York Knicks NBA Champion, und das ausgerechnet gegen ein junges Team der San Antonio Spurs um den talentiertesten Spieler der Liga, vielleicht sogar aller Zeiten. 53 lange Jahre voller Enttäuschungen, Drama und Beinahe-Titel sind vorbei. Aber wie kam es dazu?

    Der wichtigste Pass fand Off-the-Court statt

    Jalen Brunson ist seit Jahren der Dreh- und Angelpunkt der Knicks. Der Point Guard entwickelte sich in New York zu einem der besten Scorer der Liga und war im Finale mit überragenden 45 Punkten im entscheidenden Spiel 5 maßgeblich für den Titel verantwortlich und verdiente sich damit auch noch den Award des Finals MVP. Seinen vielleicht wichtigsten Assist spielte der „King of New York“ aber nicht auf dem Parkett, sondern am Verhandlungstisch.

    Brunsons alter Vertrag wäre in diesem Sommer ausgelaufen. Als Free Agent hätte er dann in der Off-Season einen Maximum-Vertrag über schwindelerregende 269 Millionen Dollar unterzeichnen können. Stattdessen verlängerte er bereits im Sommer 2024 frühzeitig für vier Jahre und 156,6 Millionen Dollar. Er verzichtete also bewusst auf 113 Millionen Dollar, die ihm rechtmäßig zugestanden hätten. Eine solche Entscheidung ist in der Geschichte der NBA nahezu beispiellos. Und dieser Verzicht hatte konkrete Konsequenzen: Die Knicks nutzen den gewonnenen finanziellen Spielraum um Karl-Anthony Towns zu verpflichten und sowohl Mikal Bridges als auch OG Anunoby zu verlängern. Zusammen mit Brunson bildeten diese 4 die zentralen Säulen des Meisterteams. Ohne den Gehaltsverzicht wäre diese Konstellation schlicht nicht finanzierbar gewesen.

    Dies ist aber auch eine Geschichte von Vertrauen. Brunson setzte darauf, dass die Organisation das Geld klug einsetzt, um ein besseres Team zu bauen, wovon am Ende er selbst als auch die Knicks profitieren. Diese Entscheidung sollte sich am Ende in jeglicher Hinsicht als die richtige herausstellen.

    Von Drama und Beinahe-Titeln zur Championship

    Dass es allerdings überhaupt soweit kam, war keine Selbstverständlichkeit. In der Saison 2022/23 beugte man sich dem Cinderella-Run der Miami Heat, im Jahr zuvor erreichte man nicht einmal die Playoffs. Die letzten zwei Saisons endeten jeweils dramatisch mit Niederlagen gegen die Indiana Pacers in den Conference Finals bzw. Halbfinals. Beide Male mit dem Gefühl, dass ein Puzzlestück fehlen würde.

    Die entscheidendste Veränderung war dann vielleicht eine, über die weniger gesprochen wurde: der Wechsel auf der Trainerbank. Man trennte sich vor dieser Saison von Tom Thibedeau, einem erfahrenen und respektierten Trainerhund, dessen harter, kontrollierender Stil das Team über Jahre geformt hatte. Gleichzeitig tat sich der Eindruck auf, dass Thibedeau aus dem Team das Maximum bereits rausholte und seine Leistungsdecke erreichte. Ein neuer Impuls musste her – der kam mit Mike Brown, einem bekannten, aber nach außen hin eher unspektakulären Kandidaten. Brown hatte seinen ersten Coach of the Year Titel 2009 bei den Cleveland Cavaliers gewonnen. Eine Auszeichnung, die er selbst wahrscheinlich zu großen Teilen einem gewissen LeBron James zu verdanken hat. Umso bemerkenswerter und aussagekräftiger war sein zweiter Coach of the Year Titel 2023 mit den Sacramento Kings. Dort beendete er mit der bis dahin effizientesten Offensive der NBA Geschichte eine jahrzehntelange Misere und führte die Kings zurück in die Playoffs. Und das ohne einen alles überstrahlenden Superstar, sondern mit System, Vertrauen und eine Spielkultur, die kollektiven Erfolg über individuelle Dominanz stellte. Ähnlich wie Jalen Brunson es mit seiner Vertragsverlängerung bei den Knicks vormachte.

    Vielleicht war es genau das, was es in New York brauchte. Nicht mehr Druck, sondern weniger. Nicht noch mehr Kontrolle, sondern Spielfreude. Es ist gut möglich, dass diese andere Energie auf der Bank den Knicks nach Jahren des angespannten Beinahe-Erfolgs den entscheidenden Freiraum gegeben hat.

    Was die Niederlage für San Antonio bedeutet – und was nicht

    Auf der anderen Seite standen die San Antonio Spurs, die sich nach einem spektakulären Sieben-Spiele-Krimi gegen die Oklahoma City Thunder ins Finale gespielt hatten. Das Team um das französische Alien Victor Wembanyama ist jung, talentiert und eigentlich viel zu früh dran, um realistisch um einen Titel mitzuspielen. In den Finals wurde die fehlende Erfahrung zunehmend sichtbar, Wembanyama und seine Mitspieler sind schlicht noch nicht fertig.

    Für Wembanyama persönlich war die Niederlage schmerzhaft. Als Typ, der absolut immer gewinnen will und jede Niederlage verabscheut wie die Pest, ist dieser Misserfolg eine beängstigende Motivation, vor der sich der Rest der Liga schleunigst in Acht nehmen sollte. Für seine Organisation, die Spurs, ist es dagegen fast ein Luxusproblem. In San Antonio ist man dem Zeitplan weit voraus. Man kann sich zurücklehnen, entwickeln und in aller Ruhe beobachte, wie dieses Team reift.

    Ganz entspannt dürfen sie es sich allerdings nicht leisten. Die günstigen Rookie-Verträge von Wembanyama, Stephon Castle, Devin Vassell und den anderen Kernspielern laufen irgendwann aus. Wenn es dann um Verlängerungen geht, wird das eine komplizierte Rechenaufgabe. Alle gleichzeitig auf dem Niveau zu halten, das sie dann verdienen werden, ist kaum möglich. San Antonio steht also vor demselben Grundproblem, das fast alle aufstrebenden Teams irgendwann trifft: Wie hält man zusammen, was gemeinsam gewachsen ist, wenn der Salary Cap seine eigene Logik durchsetzt? Wird Victor Wembanyama vielleicht Jalen Brunsons Beispiel folgen und ebenfalls auf Gehalt verzichten, damit die Spurs ihm ein besseres Team an die Hand geben können? Zum jetzigen Zeitpunkt ist jedenfalls davon auszugehen, dass wir die Spurs auch in der nächsten Saison in den Finals spielen sehen werden. Dort dann vielleicht mit der Portion Reife und Erfahrung, die ihnen dieses Jahr noch fehlte.

  • Zu gut für die ProA, zu klein für die BBL

    Zu gut für die ProA, zu klein für die BBL

    Im Sport gilt eigentlich eine simple Logik: Wer gewinnt, steigt auf. Im deutschen Basketball funktioniert diese Regel nur bedingt. Das hat weniger mit sportlichem Versagen zu tun als mit dem, was hinter den Kulissen über Aufstieg entscheidet. Warum das so ist und was das über den Zustand der Sportart in Deutschland sagt, darum geht es in diesem Beitrag.

    Ein Ergebnis, das Fragen aufwirft

    Phoenix Hagen ist zurück in der 1. Basketball Bundesliga! Für alle, die den Traditionsstandort aus Westfalen kennen, ist das mehr als nur ein sportliches Ereignis, es ist eine Rückkehr nach fast zehn Jahren. Im Finale der zweitklassigen ProA standen den Hagenern die Kirchheim Knights gegenüber, die als Hauptrundensechster durch die Playoffs gestürmt waren und sich sensationell ins Endspiel gekämpft haben. Kirchheim verlor das Finale, wurde Vizemeister und hätte damit sportlich das Recht gehabt, in die BBL aufzusteigen. Taten sie aber nicht. Und das war schon lange vorher klar, denn ein Lizenzantrag wurde gar nicht erst gestellt.

    Für den weniger Basketball-affinen Sportfan (der sicherlich eine Mehrheit in Deutschland ausmacht) klingt das sehr wahrscheinlich kurios. Ein Vizemeister einer zweiten Liga, der nicht in die Bundesliga aufsteigt und auch schon bereits vor dem Erreichen der Aufstiegsspiele jenen Aufstieg kategorisch ausschließt, wo gibt es denn sowas? Nun ja, im deutschen Basketball ist das tatsächlich ein bekanntes Muster. In den letzten 15 Saison (seit Einführung der Playoffs in der ProA) haben von den 30 aufstiegsberechtigten ProA-Teams 22 am Ende den Sprung in die BBL gemacht. Dementsprechend nutzten 8 Teams das sportliche Aufstiegsrecht nicht. Das ist nun keine Dauerkrise, aber ein regelmäßig wiederkehrendes Phänomen, das sich strukturell erklären lässt.

    Was die BBL von Aufsteigern verlangt

    Ein gutes Abschneiden in der ProA ist zwar eine Voraussetzung für die Berechtigung in der BBL spielen zu dürfen, reicht aber bei Weitem nicht aus. Die Liga stellt klare wirtschaftliche und strukturelle Anforderungen an jeden Bewerber. Dazu gehören ein Mindestetat von 4 Millionen Euro (Stand Saison 2025/2026), hauptamtliche Nachwuchstrainer und belastbare Nachweise über Sponsoringpartnerschaften und finanzielle Stabilität. Diese Anforderungen steigen von Jahr zu Jahr, was den Abstand zwischen Erstliga-Standard und dem, was ProA-Clubs realistisch leisten können, tendenziell vergrößert.

    Die Idee dahinter scheint nachvollziehbar. Die BBL möchte sicherstellen, dass die Aufsteiger nach einer Saison nicht wirtschaftlich kollabieren oder sportlich nicht konkurrenzfähig sind. Man möchte Insolvenzen vermeiden, den sportlichen Wettbewerb schützen und gewährleisten, dass alle Teams unter ähnlichen Bedingungen antreten. Kurz gesagt, die BBL möchte sich und ihre Strukturen schützen. Für Clubs, die aus kleineren Märkten kommen, ist diese Hürde aber oft zu hoch, selbst wenn sie vielleicht sportlich sogar besser geeignet sind als einige Erstligisten.

    Das Beispiel Kirchheim

    Kirchheim ist hierfür ein anschauliches Beispiel. Der Verein spielt seit Jahren guten, teilweise sehr guten, ProA-Basketball in der städtischen Sporthalle vor rund 1.800 Zuschauern. Die Atmosphäre ist familiär, die Treue der Fans, samt eigenem Fanclub, unbestreitbar. Gleichzeitig kann eine solche Infrastruktur weder die Zuschauereinnahmen noch die Außenwirkung erzeugen, die für eine glaubwürdige BBL-Bewerbung notwendig wären. Hinzu kommt, dass Kirchheim in einer Region liegt, in der Basketball gegen andere Freizeitangebote und Sportarten ankämpft. Die Fanbasis ist loyal, aber begrenzt.

    Ein Blick auf die Zahlen zeigt das Spannungsfeld: Eine Dauerkarte bei den Kirchheim Knights kostet in der teuersten Kategorie knapp 380€ und die „Courtside-Experience“ findet auf eigens aufgestellten Plastik-Gartenstühlen statt. Ein Traum für jeden Traditionalisten und Sportromantiker, für das Geschäft aber eher unvorteilhaft.
    Bei der SV Elversberg, die in derselben Saison Vizemeister der 2. Fußball-Bundesliga wurde, beginnt eine VIP-Dauerkarte bei 2.000€ netto. Natürlich ist dieser Vergleich nicht wirklich fair, vielleicht sogar vermessen. Andere Sportart, andere Geschichte, andere Einzugsgebiete. Aber er zeigt, wie unterschiedlich die wirtschaftlichen Welten der zweiten Ligen in Deutschland sind.

    Karlsruhe: Der politische Aspekt

    Noch deutlicher wird das Strukturproblem am Beispiel der Karlsruhe Lions. In der Saison 2023/2024 wurden die Lions als Hauptrundensiebter sensationell Meister der ProA. Doch auch sie stiegen nicht auf. Der Grund war damals ein anderer: In Karlsruhe gab es schlicht keine Spielstätte, die den BBL-Anforderungen entsprach. Die Europahalle war sanierungsbedürftig und stand nicht zur Verfügung.

    Was dieses Beispiel so eindrücklich macht, ist der Kontext. Die Stadt Karlsruhe hat 2019 mit dem Bau eines brandneuen Fußballstadions begonnen und dieses 2023 eröffnet. Heute spielt der KSC dort vor bis zu 33.000 Zuschauern teilweise mittelmäßigen Fußball in der 2. Bundesliga. Für die Basketballer, die seit der Saison 2017/2018 jedes Jahr mit einer Ausnahme von 2020/2021 die Playoffs in der ProA erreichten und damit jährlich mindestens halbwegs realistische Chancen auf einen Aufstieg hatten, gab es keine vergleichbare Unterstützung. Man kann das nun als bewusste Entscheidung lesen oder als das Ergebnis unterschiedlicher Prioritäten und Investitionslogiken in Kommunalpolitik und Sportförderung. Was bleibt, ist der Kontrast: Der eine Verein spielt semi-erfolgreich im glänzenden Neubau, der andere kämpft sich aus der Ausweichhalle zum Meistertitel. Mittlerweile ist die Europahalle fertig saniert, von den erfolgreichen Zeiten sind die Lions aber mittlerweile wieder ein gutes Stück entfernt.

    Ein Teufelskreis, der sich selbst am Laufen hält

    Hinter solchen Einzelfällen steckt jedoch ein strukturelles Problem, das den gesamten ProA-Basketball betrifft. Viele Clubs haben zu wenig Geld, um in Infrastruktur, Personal und Vermarktung zu investieren. Ohne diese Investitionen wachsen weder Zuschauerzahlen noch Sponsoringeinnahmen und ohne Wachstum bleibt das Budget eng. Und ohne ausreichendes Budget ist ein ernsthafter BBL-Antrag unrealistisch. Dieser Kreislauf ist schwer zu durchbrechen, solange kein externer Impuls kommt, sei es über Städteförderung, einen Investor oder eine strukturelle Veränderung im Lizenzierungsmodell des BBL.

    Trotzdem: Es geht voran

    Trotz aller Strukturprobleme ist die Entwicklung nicht einseitig negativ. In dieser Saison haben 6 ProA-Clubs einen BBL-Lizenzantrag gestellt, was einen kontinuierlichen Anstieg in der letzten Jahre bedeutet. Das zeigt, dass die Ambitionen in der zweiten Liga wachsen und sich mehr Vereine ernsthaft mit dem Sprung nach oben beschäftigen.

    Dazu kommen die Aufsteiger der jüngeren Vergangenheit: Jena, Trier, Rostock, Vechta und Frankfurt haben sich nach ihren Aufstiegen in der BBL behauptet und zwischenzeitlich für mächtig Aufsehen gesorgt. Dazu kehrt Phoenix Hagen als starkes Symbol zurück: ein traditionsreicher Club, der jahrelang aufgebaut und investiert hat, bis er die Anforderungen der BBL erfüllen konnte. Das ist das Ergebnis von Geduld, Struktur, harter Arbeit und dem richtigen Umfeld.

    Kirchheim und Karlsruhe stehen nicht allein. Sie stehen für eine Spannung, die den deutschen Basketball seit Jahren begleitet: zwischen dem Wunsch nach sportlicher Durchlässigkeit und dem Anspruch an wirtschaftliche Stabilität in der ersten Liga. Ob das Lizenzierungsmodell der BBL die richtige Antwort auf diese Spannung ist, ob flexiblere Übergangslösungen oder mehr städtische Unterstützung helfen könnten, bleibt offen. Was die letzten Jahre aber gezeigt haben: Wer aufsteigen will, muss mehr leisten als guten Basketball, und manchmal ist genau das der kompliziertere Teil.

  • Mehr als nur Bandenwerbung: Das Geschäft mit dem WM-Sponsoring

    Mehr als nur Bandenwerbung: Das Geschäft mit dem WM-Sponsoring

    Denkt man an eine Fußball-Weltmeisterschaft, kommen den meisten die gleichen Bilder in den Kopf: Jubel, Fanmeilen, Dramatik und Gemeinschaft. Woran die wenigsten denken ist, dass im Hintergrund ein zweites Spiel läuft, das mindestens genauso bedeutsam ist.
    Wer darf sein Logo wo präsentieren, welche Begriffe sind geschützt, wer darf mit seiner Marke und der WM in Verbindung gebracht werden und vor allem: Wer zahlt dafür wie viel. Das ist längst kein nettes Add-On zur WM mehr, sondern ein zentrales Standbein im Geschäftsmodell der FIFA.

    Die ursprüngliche Idee

    Begeben wir uns in die Anfänge der 1900er Jahre, darf man grundsätzlich noch davon ausgehen, dass der monetäre Aspekt mindestens nur zweitrangig für die FIFA war. Seit ihrer Gründung in 1904 beschäftigte sich man mit einem internationalen Turnier, scheiterte aber zumeist an den infrastrukturellen Begebenheiten und damit an der Umsetzung.

    Erst in den 1920er Jahren und nach der Zusammenarbeit mit dem IOC wurde die Sache konkreter. Die FIFA organisierte im Auftrag der Olympischen Spiele die Fußballturniere 1924 in Paris und 1928 in Amsterdam – mit großem Erfolg. Dass beide Turniere von der damaligen Übermacht aus Uruguay gewonnen wurden spielte weniger eine Rolle. Man erreichte einen großen Zuschauerzuspruch, was den FIFA-Präsidenten Jules Rimet ein weiteres Mal dazu veranlasste, über ein eigenes internationales Turnier abzustimmen. Unter anderem auch, weil die Olympischen Spiele keine Profis zuließen.
    Auch zu dieser Zeit spielt das Geld vermutlich noch die zweite Geige. Ziel war es, ein unabhängiges Produkt zu schaffen, das den Fußball hervorhebt und nicht nur ein Teil von etwas ganz Großem wie den Olympischen Spielen ist.

    So stimmte der FIFA-Kongress für die Durchführung einer eigenen FIFA-Weltmeisterschaft. Wenig überraschend wählte man a) Uruguay als erste Austragungsnation, nicht nur aufgrund der sportlichen Vormachtstellung sondern auch, und das ist viel wichtiger, weil Uruguay anbot sämtliche Reise- und Unterbringungskosten zu übernehmen, und b) mit 1930 ein Jahr, das genau in die Pause zwischen die Olympischen Spiele fiel, damit die größtmögliche Aufmerksamkeit auf der WM lag.

    Uruguay krönte sich zum ersten FIFA Weltmeister in einem dann aber doch recht unspektakulären Turnier. Lediglich 13 Nationen nahmen teil und nur 4 davon aus Europa. Die meisten großen europäischen Top-Nationen sagten aufgrund wirtschaftlicher Probleme und der langen Schiffsreise ab.

    Mit Banden fing alles an

    So viel zu der allerersten Weltmeisterschaft. Die folgenden verliefen nach einem ähnlichen Muster und hatten mit dem heutigen Produkt der FIFA-WM wenig zu tun. Kein hochgezüchtetes Sponsoring, exklusive Werbepakete oder teure Partnerschaften. Hier und da tauchten Marken im Stadion auf, kauften sich vielleicht eine Bande oder andere Werbeflächen, von der heutigen Werbepräsenz war aber nichts zu spüren. Keine ausgeklügelten Sponsorenhierarchien oder komplexe Rechtekataloge.

    Ein gutes Beispiel für diese frühe Phase ist Coca-Cola. Die Marke war bereits in den 50er-Jahren bei Weltmeisterschaften über Stadionwerbung präsent. Der wirtschaftliche Nutzen einer WM war also bereits da, allerdings wusste die FIFA ihn nicht wirklich zu Nutzen. Erst mit der wachsenden globalen Reichweite wurde klar, wie man aus einfacher Bandenwerbung ein eigenes Geschäftsmodell basteln kann.

    Coca-Cola als Initialzündung

    Springt man in der Zeitleiste etwa 20 Jahre weiter nach vorne, trifft man auf einen ersten richtigen Knick in der Kurve. 1974 begann die sogenannte „formelle Partnerschaft“ zwischen Coca-Cola und der FIFA, ab 1978 war Coca-Cola dann offizieller Sponsor der Weltmeisterschaft. Aus dem „wir sind irgendwie dabei“ wurde eine langfristige, vertraglich geregelte Beziehung. Für die FIFA war das gleichzeitig ein Schritt in Richtung einer anderen Denkweise: weg vom reinen, einfachen Flächenverkauf, hin zu klar definierten Rechten, die man bündeln und über mehrere Turniere strecken kann.
    Ab diesem Zeitpunkt wird das System Schritt für Schritt professioneller. Offizielle Dokumente zeigen ab 1982, wie aus wenigen Partnern ein pyramidenartiges Sponsoringmodell wird – mit klaren Rollen, unterschiedlichen Reichweite und einer Preisstaffelung.

    Vom Sammelsurium zur Pyramide

    Heutzutage läuft das WM-Sponsoring auf drei Ebenen. Ganz oben stehen die „FIFA Partners“. Das sind die Marken, die man seit Jahren und über Jahre in fast jedem FIFA-Kontext sieht. Sie bekommen die umfassendsten globalen Rechte, sind nicht nur bei einer WM präsent und wollen vor allem eins: Exklusivität in ihrer Kategorie. Dass sich diese Investition dann lohnt, hängt direkt daran, wie konsequent die FIFA diese Exklusivität beschützt.

    Darunter kommen die „FIFA World Cup Sponsors“. Sie erhalten ebenfalls weltweite Sichtbarkeit, sind in ihrer Rolle aber nur auf das jeweilige Turnier fokussiert und bekommen daher nicht das volle Paket, das mit einer langfristigen FIFA-Partnerschaft verbunden ist. Für sie geht es darum, die WM als Aufhänger für intensive Kampagnen und Aktivierungen zu nutzen, ohne sich gleich auf mehrere Jahre an die FIFA zu binden.

    Die dritte Stufe bilden die Regional bzw. National Supporters. Diese Firmen sind näher an dem jeweiligen Gastgeberland oder bestimmten Regionen und zahlen deutlich weniger als die globalen Partner. Darüber hinaus sind die meistens ohnehin nicht über die Landesgrenzen hinaus bekannt oder global aktiv. Ziel für diese Unternehmen ist es, ihre Plattform in ihrem „Heimatmarkt“ zu vergrößern, ohne dabei das große Geld für eine Partnerschaft auf den Tisch legen zu müssen. Für die FIFA ist das clever: Man kann zusätzliche Märkte monetarisieren, ohne die Premium-Pakete zu verwässern. Gleichzeitig steigt damit aber auch die Komplexität, weil vor Ort schneller Konflikte entstehen, wenn beispielsweise lokale Marken an die Grenzen dessen gehen, was offiziell erlaubt ist.

    Was Jura hiermit zu tun hat

    Kauft eine Marke heute ein WM-Sponsoring, kauft sie nicht nur einen Platz auf einer Werbebande. (Das gilt aber eigentlich auch für Sponsoring außerhalb einer WM). Im Kern geht es aber um etwas anderes: das Recht, sich exklusiv und offiziell mit der WM verbinden zu dürfen. Dafür fließen Summen im dreistelligen Millionenbereich über mehrere Jahre. Ohne eine rechtliche Absicherung würde kaum ein Unternehmen die Produkte der FIFA kaufen.

    Die FIFA definiert deshalb sehr genau, was zu ihrer „Official Intellectual Property“ gehört: Logos, Embleme, Namen, Bezeichnungen, selbst die Silhouette des WM-Pokals. Nur wer Rechte gekauft hat, darf diese Zeichen kommerziell nutzen. Wer das ohne Lizenz versucht riskiert Abmahnungen, Unterlassungsansprüche und Schadenersatzforderungen. Damit das global überhaupt funktioniert, lässt die FIFA ihre Marken weltweit registrieren und versucht, Verstöße konsequent zu verfolgen.

    Eine Maßnahme um Trittbrettfahrer auszuschließen sind die sogenannten „Clean Zones“. Diese findet man im Regelfall in den Host Cities. Eine Clean Zone ist meist über lokale Regelungen abgesichert und soll dafür sorgen, dass im direkten Eventumfeld keine unerlaubten Verkaufsstände oder Promo-Aktionen stattfinden. Die Idee dahinter ist auf dem Papier simpel: Wenn jemand im oder am Stadion sichtbar sein möchte, dann bitte nur mit offizieller Berechtigung. In der Praxis sieht die ganze Sache dann aber manchmal ein wenig schwieriger aus, denn was macht die lokale Pizzeria gegenüber vom Stadion, wenn sie keine Berechtigung bei der FIFA gekauft hat? Nun ja, lokale Unternehmen dürfen weiter öffnen, ein WM-Spiel aber nicht als kostenlose Werbe-Bühne nutzen, dementsprechend also keine offiziellen Bezeichnungen oder Logos nutzen.

    Ambush: Mitspielen, ohne zu zahlen

    Trotz all dieser Regeln und Bemühungen bleibt ein Thema hartnäckig: Ambush-Marketing. Damit sind Aktionen von Unternehmen gemeint, die keine offiziellen Sponsoren sind, aber versuchen, sich in die Aufmerksamkeit rund um die WM reinzumogeln. Das läuft dann über bestimmte Farben, Sprüche, auffällige Aktionen oder Bezeichnungen, oder das Timing von Kampagnen, ohne dass direkt ein geschütztes Logo genutzt wird.

    Für die Unternehmen, die Millionen investieren, ist das selbstverständlich ein Reizthema. Sie kaufen die teure Exklusivität, sehen aber, dass andere versuchen, in denselben Momenten präsent zu sein, ohne gezahlt zu haben. Juristisch bewegt man sich dort oft in Grauzonen zwischen zulässiger Werbung und unzulässiger Ausnutzung der Event-Assoziation. Für die FIFA ist die Abwehr solcher Kampagnen Teil ihres Versprechens an die Partner. Und das muss sie auch, denn wenn das nicht gelingt, ist das gesamte Modell nur noch einen Bruchteil wert.

    Warum Marken sich das trotzdem antun

    Und trotz all dieser Risiken und Unsicherheiten lässt sich festhalten: WM-Sponsoring ist weiterhin höchst attraktiv. Aus Unternehmenssicht ist es eine seltene Kombination aus globaler Reichweite, emotionaler Aufladung und maximaler Medienaufmerksamkeit. Im besten Fall steht man dort, wo gerade die größte Bühne des Sports aufgebaut ist. Studien und Praxis zeigen, dass ein Sponsoring die Markenstärke tatsächlich pushen kann. Allerdings unter der Voraussetzung, dass die Marke zum Turnier passt, der Auftritt glaubwürdig wirkt und die Rechte aktiv genutzt und beworben werden, anstatt nur sein Logo irgendwo zu parken.

    Dennoch liegt die Kehrseite auf der Hand. Steht die FIFA oder ein Turnier in der Kritik, beispielsweise durch die Vergabe der Ausrichternation, können Sponsoren im öffentlichen Bild in Mithaftung geraten. Zudem reicht es auch nicht mehr, sich nur noch mit dem Namen „offizieller Partner“ zu schmücken. Wer sein Geld wieder reinholen will, muss kreativ aktivieren, lokale Maßnahmen fahren, Social Media nutzen und Hospitality klug einsetzen. Außerdem: Die Gefahr des Ambush-Marketings verschwindet nicht, nur weil der Sponsoring-Vertrag dicker wurde.

    Vom Nebenbei-Produkt zur Erlössäule

    Man braucht sich nicht lange den Geschäftsbericht der FIFA anzuschauen, um zu verstehen, wie weit die Entwicklung gekommen ist. Neben den TV-Rechten sind Marketing- und Sponsoringeinnahmen eine der größten Erlössäulen im gesamten WM-Zyklus. Ein großer Teil dieser Einnahmen ist schon vor dem Eröffnungsspiel vertraglich gebunden. Die Weltmeisterschaft ist damit nicht nur ein sportlicher Höhepunkt, sondern lässt in Zürich die Kassen klingeln.

    Die Geschichte des WM-Sponsorings erzählt deshalb mehr als nur die nächste Marketing-Anekdote. Sie beschreibt, wie aus lose platzierten Logos ein hoch strukturiertes und juristisch abgesichertes System geworden ist. Die WM ist heute nicht nur ein Turnier, sondern auch ein Produkt, dessen Wert maßgeblich davon abhängt, wie gut Exklusivität verkauft und geschützt wird. Für die Unternehmen kann es sich sehr wohl lohnen, sich in dieses System einzukaufen und ein Teil davon zu werden – aber eben nur dann, wenn sie wissen, worauf sie sich einlassen und das Spielfeld hinter dem Spielfeld ernst nehmen.

  • Fortuna Düsseldorf: Wenn ein Abstieg mehr als 11 Spieler trifft

    Fortuna Düsseldorf: Wenn ein Abstieg mehr als 11 Spieler trifft

    Fortuna Düsseldorf ist am letzten Spieltag doch noch abgestiegen. Sportlich ist das ein Schock, wirtschaftlich eine Katastrophe. Was nur eine Platzierung in einer Tabelle ist, verändert für einen ganzen Club den Alltag und für viele Menschen deren Zukunft, lange bevor in ein paar Monaten der Ball dann in der 3. Liga wieder rollt.

    Zwischen Theorie und Realität

    In meinem letzten Beitrag habe ich darüber geschrieben, wie abhängig Jobs im Sport von Ergebnissen sind und wie schnell sich die Rahmenbedingungen ändern können. Und nun ist die Fortuna aus Düsseldorf ein Paradebeispiel dafür, wie ein solches Szenario konkret aussehen kann. Vor zwei Saisons in der Aufstiegsrelegation gegen den VfL Bochum einen Elfmeter von der Rückkehr in die Erstklassigkeit entfernt gewesen, heißt die Realität nun Liga 3. In diesen Zeitraum fallen verpasste Chancen, sportliche Fehlentwicklungen und Entscheidungen, deren Folgen jetzt deutlich härter ausfallen als nur ein Platz in der Tabelle.

    Dass ein Abstieg weh tut, liegt auf der Hand. Aber was aktuell rund um die Fortuna diskutiert wird, geht weit über sportliche Enttäuschung hinaus. In Medienberichten ist von einem Sparkurs in einem Ausmaß die Rede, dass über die Hälfte aller Stellen über alle Abteilungen auf dem Prüfstand stehen sollen. Die Fernseheinnahmen sinken von 16 Millionen Euro auf sage und schreibe 1,39 Millionen Euro, Sponsorenpakete müssen neu bewertet werden und Budgets werden zusammengeschnitten. Für viele der Mitarbeitenden bei der Fortuna bedeutet das, dass sich ihre berufliche Zukunft von einem auf den anderen Moment verändern kann, obwohl sie nie gegen einen Ball getreten haben.

    Wenn der Absturz mehrere Ebenen trifft

    Wirtschaftlich ist der Schritt in die 3. Liga ein riesiger Einschnitt. Wie erwähnt fallen die TV-Gelder deutlich geringer aus, Vermarktungserlöse sind schwieriger zu planen und auch in Abteilungen wie dem Ticketing ändern sich die Perspektiven. Gleichzeitig wächst der Druck, Kosten zu senken. Es ist die Rede von „drastischen Sparmaßnahmen“. Das bedeutet, das eigentliche Vorzeige-Produkt „Fortuna für Alle“ wird in dieser Form in der kommenden Saison nicht zurückkehren. Zahlen von 60% aller Beschäftigten könnten entlassen werden stehen im Raum. Das zeigt das Spannungsfeld, das ich im Karriere-Beitrag beschrieben habe: Viele Jobs im Sport hängen an einer sportlichen Leistung, die man selbst nicht beeinflussen kann.

    In solchen Phasen wird wenig überraschend schnell nach einem Sündenbock gesucht. Die beiden Architekten des Kaders, Klaus Allofs und Sven Mislintat, durften bereits ihren Hut nehmen. Ersterer in der Winterpause, Letzterer nach Abschluss der Saison. Dieser Kader war eigentlich mit dem Ziel Aufstieg zusammengestellt worden, konnte diese Erwartungen aber offensichtlich nicht erfüllen und nun muss der Verein den bitteren Gang in die Drittklassigkeit antreten. Dahinter steht aber nicht die eine falsche Entscheidung, die mal getroffen wurde, sondern eine Mischung aus sportlicher Entwicklung und strukturellen Faktoren, die zusammen nicht tragen konnten, was auf dem Papier geplant war.

    Sportliche Ursachen als Teil der Geschichte

    Sucht man nach den Gründen des sportlichen Zerfalls, fällt eines der größten Probleme recht schnell ins Auge. Eine Offensive, die über einen Saisonverlauf auf insgesamt 33 Tore kommt, ist für ein Team mit Aufstiegsambitionen schlicht und ergreifend zu wenig. Noch deutlicher wird es, wenn man sich die Verteilung dieser 33 Tore anschaut. Mittelstürmer Cedric Itten war demnach an 18 dieser 33 Tore direkt beteiligt (54%). Wenn ein Spieler in dieser Art so stark herausragt, wird die Abhängigkeit von ihm schnell gefährlich. Diese Abhängigkeit zeigte sich vor allem in den Spielen, in denen Itten nicht spielte. In den 4 Spielen, in denen Itten fehlte, schoss die Fortuna exakt 1 Tor und holte 1 Punkt (1:1 gegen den 1. FC Kaiserslautern).

    Diese Konstellation erklärt natürlich nicht alles, aber sie zeigt, wie fehlerhaft man einen potenziellen Aufstiegskader aufstellen kann. Man kann nur hoffen, dass nicht dieselben Fehler beim Zusammenstellen des nächsten Kaders gemacht werden, eine Veränderung ist aber unvermeidlich. Das liegt vor allem an der Vertragssituation. Es heißt, dass nur eine einstellige Zahl an Spielern einen gültigen Vertrag für die 3. Liga besitzt. Man kann nun die Chance ergreifen und durch gute Scouting-Arbeit und erhöhter Fokus auf die Nachwuchsspieler einen fähigen Drittliga-Kader zu bauen, oder man lässt die bereits bestehende Unsicherheit walten.

    Fallhöhe & Warnsignale

    Die Fortuna steht damit an einem Punkt, an dem der zukünftige Weg in mehrere Richtungen führen kann. Positiv betrachtet könnte der direkte Wiederaufstieg in die 2. Liga das Ziel sein, an dem sich der Club ausrichtet. In der Praxis ist dies aber alles andere als garantiert. Die 3. Liga ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen, was Professionalität und Stabilität vieler Clubs angeht. Vereine wie Rostock, Regensburg oder Wiesbaden sind es gewohnt, zwischen Ligen zu pendeln oder sich in dieser Umgebung zu behaupten. Sie kennen Auf- und Abstiege und haben Strukturen, die auf solche Szenarien vorbereitet sind. Für Düsseldorf ist diese Situation gänzlich neu.

    Gleichzeitig zeigen die Beispiele anderer Traditionsvereine, wohin der Weg führen kann, wenn die Entscheidungen nicht sitzen. 1860 München, der MSV Duisburg (mittlerweile wieder aufsteigend), der SSV Ulm oder auch die SG Wattenscheid 09 haben auf unterschiedlichste Weise erlebt, wie schwer es ist, nach einem Absturz in die 3. Liga oder tiefer wieder dauerhaft aufzustehen. In einigen Fällen folgte noch ein weiterer Abstieg, in anderen ein langsames Absinken in die Bedeutungslosigkeit, weil man zu lange in einer Liga festhing, für die weder die Finanzen noch die Strukturen aufgestellt waren. Düsseldorf ist nicht automatisch auf diesem Weg, aber die Fallhöhe ist immens und vergleichbar genug, um diese Beispiele als Warnsignale ernst zu nehmen.

    Was nun übrig bleibt, ist ein Status Quo mit einer sehr geringen Fehlertoleranz. Sportlich müssen Entscheidungen sitzen, wirtschaftlich muss jeder Schritt doppelt und dreifach überlegt werden und gleichzeitig muss man auch wieder Positionen für Menschen schaffen, die nicht in den Statistiken auftauchen. Für mich ist das genau der Kern, warum dieser Fall so gut zu dem passt, was ich in meinem letzten Beitrag geschrieben habe. Ein Abstieg ist viel mehr als nur ein sportliches Ereignis. Er gleicht einer ganzen Zäsur für einen Club und für so viele, deren Arbeitsplatz daran hängt, ob ein Ball im Tor landet oder nur am Pfosten.

  • Sportbusiness von innen: Vom Traumjob zum Einstieg

    Sportbusiness von innen: Vom Traumjob zum Einstieg

    Zwischen Glamour und Realität

    Das Sportbusiness gehört zu den beliebtesten Berufsfeldern überhaupt. Viele stellen sich vor, irgendwann mit Spielern im Tunnel zu stehen oder bei großen Spielen auf der Tribüne zu sitzen und dafür auch noch bezahlt zu werden. In der Realität sind diese Tribünenplätze aber deutlich rarer, als es von außen wirken mag. Auf jede ausgeschriebene Stelle kommen viele Bewerbungen, alle mit ähnlichen Lebensläufen. Da fühlt sich der vermeintliche Traumjob nur noch wie eine weit entfernte Hoffnung an.

    Ausbildung, Netzwerk und ein Problem

    Eine Ausbildung oder ein Studium im Sport- oder Wirtschaftskontext ist wichtig, aber nie automatisch der Schlüssel zum ersten Job. In vielen Fällen entscheidet am Ende das Netzwerk: Wer hat deinen Namen schon mal gehört, wer kann dich empfehlen oder mit wem hast du schon mal zusammengearbeitet. Hier stoßen wir jedoch auf das bekannte Huhn-oder-Ei-Problem: Man braucht einen Job, um ein Netzwerk aufzubauen, braucht aber gleichzeitig ein Netzwerk, um einen Job zu landen. Das macht es für Einsteiger nicht einfacher im Sportbusiness Fuß zu fassen. Ausbildung, Ehrenamt und erste Minijobs sind daher weniger Selbstzweck, sondern vor allem Plattformen, auf denen man Kontakte knüpft, die später Türen öffnen können. Die formale Qualifikation legt das Fundament, während die Menschen, die man unterwegs trifft, den Unterschied machen.

    Praktika und Seiteneinstiege

    Ein echter Gamechanger sind meistens Praktika. Im Studium ohnehin häufig Pflicht, unabhängig davon sind sie aber für viele der erste echte Kontaktpunkt mit dem Sportbusiness. Glamourös sind sie aber eher selten: Berichte schreiben, Präsentation bauen, Tickets verschicken. Im richtigen Umfeld ist das aber genau die Verantwortung die man braucht. Man darf Projekte begleiten und sieht, wie Entscheidungen und Prozesse wirklich ablaufen. Diese Erfahrungen und die Menschen, die einen begleiten, sind oft wichtiger als die Überschrift im Lebenslauf.

    Eine andere, wenig diskutierte, Option führt über den Sport-Einzelhandel. Das wirkt auf den ersten Blick noch weniger attraktiv. Einzelhandel heißt Schichtdienst, Kundenkontakt, Kopfschmerzen (ich spreche aus Erfahrung). Gleichzeitig steht man dort aber an der Schnittstelle zwischen Fans, Vereinen und Ausrüstern. Große Händler arbeiten eng mit den Marken und lokalen Vereinen zusammen, statten Teams aus und unterstützen Veranstaltungen. Wer dort verlässlich arbeitet, ein Gefühl für Produkte und Zielgruppen entwickelt und sich ein erstes kleines Netzwerk aufbaut, kann daraus später vielleicht Wege in andere Rollen ableiten.
    Ich hab jetzt damit nicht den geheimen Speedrun ins Sportbusiness aufgedeckt und ich hoffe, das denkt auch keiner. Dennoch wird von diesem Weg in all den LinkedIn-Posts kaum bis gar nicht geredet. Dabei ist dies für den ein oder anderen der erste und nicht zu unterschätzende Kontakt zur Branche.

    Tiefer stapeln, höher fliegen

    Viele träumen davon, direkt in einer Profiliga zu landen. Die Realität sieht so aus, dass die allerwenigsten ihren Einstieg in der Bundesliga oder bei einem großen internationalen Club finden. Häufig ist es sinnvoller, bewusst tiefer zu stapeln und zunächst in kleineren Vereinen, Verbänden und Agenturen anzufangen. Dort sind die Teams kleiner, Budgets straffer und die Strukturen weniger glatt. Genau das sorgt aber dafür, dass man früh Verantwortung übernehmen kann. Statt als Statist im Großverein am Rand zu stehen, kann man in einer Oberliga oder Regionalliga Ticketing, Sponsoring, Social Media oder Events aktiv mitgestalten. Was man dort lernt, lässt sich später für größere Aufgaben mitnehmen. Der Lebenslauf erzählt dann nicht nur Namen, sondern ist mit echten Geschichten aus der Praxis gespickt.

    Geduld, Risiko und warum es sich trotzdem lohnt

    Geduld ist so eine Sache. Das lässt sich immer so leicht predigen und doch ist sie so schwer umsetzbar. Mir selbst kann es auch nicht schnell genug gehen, und der Wunsch nach einem „richtigen“ Job direkt nach dem Studium ist absolut nachvollziehbar. Gleichzeitig muss man realistisch bleiben: Team-Lead-Stellen, Leitungsfunktionen oder repräsentative Rollen werden in den seltensten Fällen an Berufseinsteiger vergeben. Wie in anderen Branchen auch wachsen Verantwortung und Titel mit der Zeit, mit Ergebnissen und mit Menschen, die einen fördern und fordern. Ausnahmen gibt es auch hier, sich darauf zu verlassen wäre aber vermessen.

    Gleichzeitig ist der Sport kein stabiler, planbarer Arbeitgeber. Wer im Mannschaftssport arbeitet, hängt mit seinem Job oft direkt oder indirekt am Ergebnis auf dem Platz. Ein Abstieg, verpasste Einnahmen oder der Verlust eines Sponsors können schnell zu Kürzungen führen, die auch Mitarbeitende treffen. Das kann bedeuten, dass man den Standort wechseln muss, Verträge nicht verlängert werden oder man sich sogar ganz neu orientieren muss. Kaum eine Branche reagiert so sensibel auf Erfolge und Misserfolge wie der Profisport. Dieses Risiko gehört aber nun immer dazu.

    Trotz alledem gibt es wenige Bereiche, in denen sich Wirtschaft und Emotion so stark verbinden. Der Mix aus Strategie, Zahlen, Menschen und Momente, in denen eine Aktion plötzlich alles entscheidet, ist schwer zu ersetzen. Spannung, Zittern, Freude: diese Emotionen gehören im Sport in der täglichen Arbeit einfach dazu und sind nicht nur Kulisse. Wer bereit ist, manchmal den längeren, ungeraden Weg zu gehen, sich durch Praktika, kleine Stellen und Vereine und Umwege zu arbeiten, findet im Sportbusiness eine Umgebung, die man in kaum einem anderen Wirtschaftszweig erlebt.

  • Fußballtransfers: Zwischen Medienhype, Beratern und Vertragsrealität

    Fußballtransfers: Zwischen Medienhype, Beratern und Vertragsrealität

    Die Schlagzeile und die Wirklichkeit

    „Spieler A wechselt zu Verein B für Summe C, Vertrag bis Jahr X.“ Diese Art Schlagzeile kennt jeder, der sich auch nur oberflächlich für Fußball interessiert. Sie kann den Eindruck erwecken, als sei Transfer ein klar abgegrenzter Moment, der in Echtzeit passiert und dann in einer Push-Benachrichtigung landet.

    Wenig überraschend ist diese Schlagzeile nur das Ende einer Kette von Gesprächen, Überlegungen, Reisen und Verhandlungen. Zwischen der ersten Idee eines Wechsels und der offiziellen Verkündung liegen oft Monate, manchmal sogar Jahre, in denen sich Perspektiven, Marktbedingungen und persönliche Momente mehrfach verschieben können.

    Der Vorlauf vor der Unterschrift

    Der sichtbare Teil eines Transfers beginnt für die Fans meistens dann, wenn die Medien über ein Interesse oder einen Kontakt berichten. Die Clubs hingegen haben den Spieler zu diesem Zeitpunkt aber schon lange beobachtet, analysiert und intern diskutiert. Scouts, Analysten, Trainerstab und sportliche Leitung sammeln Eindrücke, prüfen Daten und überlegen, wie der Spieler in Kader, Spielstil, Budget und Mannschaftsgefüge passen könnte.

    Parallel dazu oder anschließend beginnt die Kommunikation im Hintergrund. Berater und Vereine loten aus, ob grundsätzlich Interesse besteht, ob die Rahmenbedingungen denkbar sind und ob der Spieler sich einen Wechsel vorstellen kann. In dieser Phase finden viele lose Gespräche statt, die nie zu einem Angebot führen und daher selten öffentlich bekannt werden.

    Wer wirklich mit am Tisch sitzt

    Ein Transfer ist selten eine einfach Dreiecksbeziehung zwischen zwei Clubs und einem Spieler. An einem Wechsel sind häufig (wenn auch passiv) einige weitere Parteien beteiligt, die in der öffentlichen Berichterstattung keine Beachtung finden. Dazu gehören Familienangehörige, Anwälte, frühere Vereine, die mit Weiterverkaufsklauseln hantiert haben, Verbände und mehrere Abteilungen als nur die sportliche des aufnehmenden Vereins.

    Juristen prüfen Vertragsentwürfe, klären Fragen zu Steuern, Arbeitsrecht und Bildrechten. Finanzabteilungen berechnen die Gesamtkosten aus Ablöse, Gehalt, Prämien und Nebenkosten. Personalabteilungen kümmern sich um die vertragliche Eingliederung. In besonderen Konstellationen spielen sogar Gerichte eine Rolle: Das Bosman-Urteil des Europäischen Gerichtshofs hat das Transfersystem in Europa grundlegend verändert und prägt bis heute die Spielräume bei ablösefreien Wechseln.

    Ironischerweise ist der Spieler selbst in den meisten Fällen gar nicht bei allen Verhandlungsrunden dabei. In der Praxis verlaufen die meisten Gespräche ohne ihn, weil seine Berater und die Vereinsverantwortlichen die Rahmenbedingungen, Vertragsdetails, Zahlen und Szenarien vorbereiten. Die Rolle des Spielers ist die des Entscheiders. An den jeweiligen Entscheidungspunkten steht er dann doch wieder alleine dar und muss für sich die Entscheidung treffen, ob er das Projekt sportlich mitgehen möchte, ob er bereit ist, seinen Lebensmittelpunkt zu ändern und ob das Gesamtpaket, was er da unterzeichnen soll, in sich stimmig ist.

    Mehr als nur Gehalt

    In der öffentlichen Wahrnehmung besteht ein Vertrag als Laufzeit, Jahresgehalt und hin und wieder mal einer Ausstiegsklausel. Fairerweise muss man zugeben, das sind auch die einzigen Details, die den gemeinen Fan interessieren. Was hat der Spieler gekostet, wie lang bleibt er und wie viel können für ihn wieder bekommen, wenn er wechseln will? Ich denke, ich überrasche hier niemanden, wenn ich behaupte, die Verträge sind deutlich umfangreicher als diese drei Details. Sie enthalten Einsatzprämien, Tor oder Zu-Null-Boni, Loyalitätsboni, Aufstiegs- und Abstiegsregelungen, Verlängerungsbedingungen und Vereinbarungen zu Bildrechten und persönlichen Sponsorings. Solche Klauseln und Details dringen aber selten nach außen, und das ist kein Zufall. Da fällt mir ein, wie vor einigen Monaten eine Klausel im Ablösevertrag zwischen dem FC Bayern München und dem FC Barcelona ans Licht kam. Diese besagte, dass eine Bonuszahlung an den FC Bayern fällig wird, sollte Robert Lewandowski in seiner Debütsaison 2022/2023 beim FC Barcelona mehr als 25 Pflichtspieltore erzielen. Es dauerte also mehr als 3 Jahre, bis diese Bedingung der breiten Masse enthüllt wurde. Am Ende wurden es nur 23 Tore, da man beim FC Barcelona ihn explizit darum gebeten habe, keine Tore mehr zu schießen, um Geld zu sparen. Aber das ist ein anderes Thema.
    Die Clubs haben jedenfalls kein Interesse daran, Einblicke in ihre Vertragsstrukturen zu geben, weil das ihre Position bei zukünftigen Verhandlungen schwächen würde. Wenn öffentlich bekannt ist, welche Bonusgrüßen ein Verein für Einsätze oder Tore bezahlt, könnten andere Spieler und deren Berater diese Zahlen direkt als Referenz für ihre Gespräche nutzen. Die Clubs schützen durch Diskretion ihre eigene Verhandlungsmacht, denn wer genau weiß, was andere verdienen oder welche individuellen Zusagen gemacht werden, kann das bei seinen eigenen Deals gezielt ausspielen. Außerdem sind viele dieser Klauseln sehr spezifisch und würden bei einer öffentlichen Kommunikation Rückschlüsse auf die interne Finanz-/Gehaltsstruktur und Hierarchie eines Kaders erlauben. Wenig verwunderlich, dass man so etwas lieber intern managen möchte als in der Öffentlichkeit.

    Neben den ganzen sportlich relevanten Boni und Klauseln, kommen auch noch praktische Aspekte dazu, die selten im Arbeitsvertrag stehen, aber dennoch Teil der Verhandlungen sein können. Die Klärung der Wohnsituation, Schulplätze für Kinder oder Sprachkurse für die Familie können in Nebenverhandlungen geregelt werden. Dennoch sind diese nicht weniger wichtig, da es Instrumente sind, die dem Spieler Wertschätzung entgegenbringen können und auf der zwischenmenschlichen Ebene von einem Wechsel überzeugen können. Für die Headline am Ende interessiert aber nur Summe und Laufzeit. Für den Alltag des Spielers entscheiden aber manchmal genau diese Details darüber, ob ein Wechsel zustandekommen kann oder nicht.

    Was meine Bachelorarbeit damit zu tun hat

    Ich beschäftige mich im Rahmen meiner Bachelorarbeit intensiv genau mit diesem System und vor allem mit der Frage, wie die FIFA versucht, den Beratermarkt zu regulieren und warum das so viel schwieriger ist, als es klingen mag.

    Erst 2022 hat die FIFA ihr neues Regelwerk für Spielerberater verabschiedet, das sogenannte „FIFA Football Agent Regulations“, kurz FFAR. Die Idee dahinter war klar: mehr Transparenz, eine Lizenzpflicht für Berater, eine prozentuale Deckelung der Provisionen und ein Verbot, bei einem Transfer gleichzeitig für beide Clubs tätig zu sein. Auf dem Papier klingt das alles einleuchtend und nach einer vernünftigen Ordnung für einen Markt, dem Ordnung lange fehlte.

    Was dann aber passierte, hatte die FIFA wohl so nicht auf ihrem Zettel: Berater und ihre nationalen Verbände zogen in mehreren Ländern vor Gericht, darunter England, Deutschland und Spanien. In Deutschland untersagten gleich zwei Gerichte der FIFA die Anwendungen ihrer neuen Regeln. In England erklärten Schiedsrichter die Provisionsdeckelung für kartellrechtswidrig. Dies bedeutet in der Praxis, dass die FFAR in 3 der stärksten und wichtigsten Märkten der FIFA schlicht weg ungültig ist. Dies sah die FIFA dann ein und nahm die Regelungen Ende 2023 vorerst zurück, bis das endgültige Urteil des Europäischen Gerichtshofs vorliegt. Wann das sein wird, lässt sich kaum abschätzen. Bis dahin praktizieren Berater weiterhin nach den alten Regelungen, während die FIFA sehnsüchtig auf ein Urteil wartet, das zugunsten von ihr entscheidet.

    Aber warum ist dieser Markt nun so schwer zu greifen? Zum einen ist der Beratermarkt ein globaler Markt und agiert weltweit, während die jeweiligen Rechtssysteme aber nun mal nationale Unterschiede aufweisen. Was die FIFA von Zürich aus vorschreibt, kann in Deutschland oder England an deren Wettbewerbsregeln scheitern oder auf verschiedene Weisen ausgelegt werden. Zum anderen ist der Markt selbst keine homogene Masse: Auf der einen Seite stehen große Agenturen, die prominenteste ist vermutlich CAA Stellar aus den USA, mit Hunderten Mandanten und riesigem Einfluss, auf der anderen stehen kleine Einmann-Büros, die 10 Spieler in der Regionalliga betreuen. Ein Regelwerk, was nun beide Seiten gleichstellt, trifft die Kleinen natürlich deutlich härter als die Großen. Eine Provisionsdeckelung für eine kleine Agentur kann existenzbedrohend sein und lässt das Pendel immer mehr in Richtung der großen Agenturen ausschlagen, bis die Kleinen irgendwann ganz aus dem Markt verdrängt werden. Unabhängig davon hängt die Wirkung dieser Regeln immer davon ab, ob und wie die nationalen Verbände sie umsetzen. Bis heute geschieht dies uneinheitlich.

    Genau diese Spannung finde ich so interessant. Der Beratermarkt ist ein Bereich, in dem globale Ambitionen auf lokale Realitäten stoßen, in dem viel Geld im Spiel ist und trotzdem grundlegende Fragen über Transparenz und Fairness offen bleiben. Dort versuche ich in meiner Abschlussarbeit anzusetzen und mein Wissen, was ich mir dadurch aneigne hier zugänglich machen.

    Berater zwischen Klischee und Realität

    Das klassische Bild des Beraters, der nur auf maximale Provision schielt, ist weit verbreitet und auch nicht grundlos entstanden. Gleichzeitig blendet es aber zu viele Aufgaben aus, die gute Berater im Hintergrund übernehmen: Vertragsverhandlungen, Karriereplanung, juristische Expertise und manchmal auch emotionale und persönliche Begleitung in schwierigen Phasen.

    Dieses Bild des geldgierigen Beraters kommt vermutlich durch die große mediale Aufmerksamkeit der bekannten Berater, die die Weltklassespieler betreuen. Von diesen gibt es aber nur sehr wenige, die durch die starke Konzentration des Marktes aber einen Großteil der Aufmerksamkeit erhalten. Ein großer Teil der Profis wird von wenigen Berater vertreten, weshalb die Provisionen entsprechend hoch sind. Was dabei dann oft unsichtbar bleibt, ist alles, was nicht im großen Rampenlicht der Champions League passiert: die kleinen Agenturen, in denen Berater mühsam Karrieren aufbauen, ein volatiles Einkommen haben und wo ein gescheiterter Spieler die ganze Agentur zerbrechen lassen kann. In den unteren Ligen sind die Summen natürlich kleiner, die Verantwortung, die die Berater für ihre Spieler haben, bleibt aber trotzdem dieselbe.

    Den Blickwinkel ändern

    Jeder Transfer erzählt immer seine eigene Geschichte. Wie viel davon dann am Ende ans Licht kommt, ist unterschiedlich. In der klassischen Medienlogik ist es aber immer die Geschichte von Ablösesummen, Loyalität, Verrat oder dem hoch dotierten Vertrag. Gräbt man ein bisschen tiefer, erkennt man hinter jedem Transfer ein komplexes Projekt, für das verschiedene Menschen aus ganz unterschiedlichen Abteilungen zusammenarbeiten und versuchen eine Lösung zu finden, die wirtschaftlich, sportlich und emotional zusammenpasst.

    Mit diesem Beitrag decke ich keine großen Mythen der Fußballwelt auf. Mein Ziel ist es, die Perspektive zu wechseln und anzuregen, Transfers und die Arbeit dahinter nicht durch die Brille der reißerischen Schlagzeilen zu lesen und sich seine Meinung nach Instagram-Kommentarspalten zu bilden. Tut man dies, verpasst man einen großen Teil dessen, was dieses Geschäft so interessant macht.

  • Vom FSJ ins Sportbusiness: Mein Weg zu Locker Room Insights

    Vom FSJ ins Sportbusiness: Mein Weg zu Locker Room Insights

    Warum ich Locker Room Insights gestartet habe

    Diese Zeilen schreibe ich während auf meinem zweiten Bildschirm meine Bachelorarbeit flimmert. Zwischen all der Literatur, den Methodologien und dem Lieblingsprogramm mit dem blauen W brauchte ich mal eine mentale Pause. Und dennoch führte mich diese Pause nicht weg vom Bildschirm, im Gegenteil: Ich merkte, dass mir Schreiben eigentlich eine Freude bereitet. Nicht nur, weil ich damit bald meinen Abschluss in der Tasche habe, sondern weil es mir hilft, meine Gedanken zu sortieren, den Kopf zu leeren und trotzdem die grauen Zellen ein wenig beschäftigt.


    Gleichzeitig ist mein nächster Schritt nach dem Studium noch lange nicht in Stein gemeißelt. Klar ist: Ich will ins Sportbusiness. Unklar ist: In welcher Rolle, bei welchem Club, in welchem Setting. Dennoch möchte ich aber selbst aktiv sein, anstatt nur auf die richtige Gelegenheit zu warten. Ich möchte etwas Eigenes erschaffen, ein Projekt mit meiner Handschrift, was mir gehört. Ich möchte Dinge ausprobieren und Einblicke teilen, die man nicht an jeder Ecke bekommt.

    Wenn man sich so umsieht, findet man eine riesige Menge an Sportcontent: Podcasts, TikToks, Hot Takes auf X und Instagram. So unterhaltsam wie dieser Content auch ist, so austauschbar ist er. Ich werde nicht der sein, der den 17. Fußball-Podcast startet, in dem ich die Top Stürmer der 2000er blind ranken muss oder zum zehnten Mal erkläre, ob die Bundesliga nun eine „Farmers League“ ist oder nicht. Das gibt alles schon zu Genüge.

    Was aus meiner Sicht fehlt, ist eine Perspektive die den Sport ernst nimmt – als Business, System und Arbeitsplatz. Die meisten denken bei Fußball und Basketball an Tore, Dreier, Emotionen. Der Management-Aspekt, die Strukturen dahinter, die Menschen in Geschäftsstelle, Marketing, Vertrieb, B2B oder Teammanagement – all das ist viel weniger präsent oder wird unterschätzt. Genau an dieser Stelle setzt Locker Room Insights an: Ich möchte zeigen, wie dieses System funktioniert, welche Mechanismen dahinterstecken und wie sich eine Karriere im Sportbusiness wirklich anfühlt.

    Mein Weg ins Sportbusiness

    Der Wunsch, irgendwann mal im Sport zu arbeiten, kam mir nicht gestern. Bereits vor dem Abitur war mir klar: Wenn ich später jeden Tag Zeit, Energie und Geld in einen Job stecke, dann kann es nur etwas mit Sport zu tun haben.

    Der erste richtig große und wichtige Schritt war mein Freiwilliges Soziales Jahr beim Gladiators Trier e.V. Rückblickend war das ein absoluter Glücksgriff. Es war dort nicht nur Bälle aufpumpen und stündlich zum Kopierer laufen, dieser Job war wirklich anspruchsvoll, mental wie körperlich. Als 19-jähriger plötzlich mitten im Alltag eines wachsenden Clubs zu stehen, war herausfordernd, aber mindestens genauso lehrreich. Ich habe aus erster Hand erlebt, wie viel Arbeit, Improvisation, Druck, aber auch Teamgeist in so einem Standort steckt.

    Danach ging es dann ins Sportmanagement-Studium. Und ehrlich gesagt: Am Anfang habe ich es unterschätzt. Die Basismodule ohne direkten Sportbezug fand ich zäh, und so waren auch meine Leistungen. Mit der Zeit habe ich aber verstanden, wie wichtig genau diese Grundlagen sind. Zusätzlich habe ich die Expertise der Professor:innen zu schätzen gelernt. Je mehr Praxisbeispiele und Verbindungen zur realen Sportwelt ich gesehen habe, desto mehr habe ich das Studium als das gesehen, was es ist: Eine Werkzeugkiste, mit dem ich das, was im Sport passiert, besser verstehen und einordnen kann.

    Ein echtes Highlight war dann mein Aufenthalt in Kanada. Das hat meinen Horizont in mehrfacher Hinsicht erweitert: neue Menschen, neue Denkweisen, neue Einblicke in eine andere Sportkultur. Sportereignisse werden dort oft noch stärker als Events organisiert, mit einem anderen Fokus auf Show, Fan Experience und Inszenierung. Gleichzeitig entwickelt sich der Fußball in Kanada gerade rasant. Zu sehen, wie ein Land eine Sportart „neu“ entdeckt und das mit dem europäischen Selbstverständnis zu vergleichen war extrem spannend. Es wird interessant sein zu beobachten, welchen Einfluss die kommende Fußball-WM auf die Fußballkultur nicht nur in Kanada, aber auch in den USA haben wird. Dem werde ich mich in einem separaten Blogbeitrag widmen.

    Die wahrscheinlich wichtigste Stufe auf meiner bisherigen Karrieretreppe folgte dann ziemlich genau ein Jahr später: in der B2B-Direktion des VfB Stuttgart. Vom einen auf den anderen Tag stand ich im Tagesgeschäft eines Bundesligisten, mitten in der Welt von Partner, Sponsoren und Geschäftskunden. Am Anfang war diese B2B-Welt ehrlich gesagt überwältigend: Termine, Hospitality, Rechtepakete, Aktivierungen, Erwartungen von Unternehmen, die eine ganze Menge Geld investieren. Doch mit der Zeit habe ich gemerkt, dass dort im Kern vieles ähnlich funktioniert wie auf dem Fußballplatz: Vertrauen, Kommunikation, Teamgeist und das Gefühl, gemeinsam an etwas Großem zu arbeiten.

    Aus all diesen bisherigen Stationen ist ein Bild entstanden, das ich vorher so nicht hatte. Sportbusiness ist viel mehr als Schlagzeilen, Statistiken und Tabellen. Es ist ein komplexes System, das gleichzeitig faszinierend, anstrengend, manchmal widersprüchlich, aber immer spannend ist. Genau dieses Bild möchte ich mir weiter malen und auf Locker Room Insights teilen.

    Was Dich hier erwartet

    Locker Room Insights soll kein klassischer Newsblog werden, der jeden Tag das gleiche durchkaut, was jeder ohnehin schon dreimal gelesen hat. Die Inhalte hier werden sich auf ein paar klare Schwerpunkte konzentrieren:

    • Transfers & Berater

    Meine Bachelorarbeit dreht sich um genau dieses Thema. Mein erarbeitetes Wissen möchte ich aber nicht in einem Ordner auf meinem Laptop verschwinden lassen. Wie laufen Transfers aus Sicht der Beteiligten wirklich ab? Welche Rollen spielen dabei Berater, Familien Verbände und Vereine? Welche Regeln verändern gerade das Geschäft? Hier möchte ich ansetzen und Hintergründe liefern, die über die „Breaking News“ hinausgehen

    • Sportbusiness und seine Eigenheiten

    Wie funktioniert ein Club als Unternehmen? Was unterscheidet eine B2B-Abteilung im Sport von klassischem Vertrieb? Warum sind Sponsoren und Partner nicht einfach Geldgeber, sondern strategische Mitgestalter? Und welche Mechanismen sieht man, wenn man nicht nur am Spieltag auf der Tribüne, sonder auch unter der Woche im Büro sitzt?

    • Karrierewege im Sport

    FSJ, Studium, Praktika, Werkstudentenjobs: Theoretisch gibt es viele Wege ins Sportbusiness – allerdings ist keiner davon garantiert. Ich möchte so offen wie möglich darüber sprechen, was gut funktioniert hat, wo ich selbst Fehler gemacht habe, welche Erwartungen realistisch sind und welche nicht. Mein Ziel ist nicht den nächsten Network-Marketing Kurs zu verkaufen, sondern ehrliche Einschätzungen und Orientierung zu geben.

    • Einblicke aus dem Alltag eines angehenden Sportmanagers

    Ich selbst stehe auch noch mitten im Prozess. Das bedeutet: Dieser Blog wird kein Rückblick, sondern begleitet meinen Weg in Echtzeit. Wenn Dinge gut laufen, wirst du es hier lesen. Wenn etwas schiefgeht oder anders kommt als gedacht, wirst du es genauso erfahren.

    Für wen ich schreibe

    Locker Room Insights ist nicht für alle. Und das ist auch gewollt.

    Ich schreibe vor allem für Menschen, die den Sport lieben, aber mehr verstehen wollen als nur Ergebnisse und Highlights. Dabei denke ich besonders an:

    • andere angehende Sportmanager:innen, die mit dem Gedanken spielen, ein ähnliches Studium zu beginnen, ein FSJ zu machen oder Praktika in Clubs suchen;
    • diejenigen, die gerade zweifeln, ob der Weg ins Sportbusiness wirklich für sie passt;
    • Leute, die Lust haben, ihren Horizont zu erweitern und Sport auch als System, Arbeitsumfeld und Wirtschaftszweig zu begreifen.

    Wenn Du Dich darin wiederfindest, egal ob Du noch am Anfang stehst oder schon mittendrin bist, dann bist Du hier richtig. Ich werde Dir sehr wahrscheinlich keine fertigen Antworten auf Deine Fragen liefern können, aber ich kann meine Erfahrungen, Erkenntnisse und eigene Fragen mit Dir teilen. Manchmal hilft genau das nämlich am besten.

    Genau das ist Locker Room Insights in seiner Startversion: persönlich, reflektierend, aber genauso ernsthaft, was das Business angeht. Ich freue, wenn Du mich solange Du möchtest auf meinem Weg begleiten möchtest.