Die Schlagzeile und die Wirklichkeit
„Spieler A wechselt zu Verein B für Summe C, Vertrag bis Jahr X.“ Diese Art Schlagzeile kennt jeder, der sich auch nur oberflächlich für Fußball interessiert. Sie kann den Eindruck erwecken, als sei Transfer ein klar abgegrenzter Moment, der in Echtzeit passiert und dann in einer Push-Benachrichtigung landet.
Wenig überraschend ist diese Schlagzeile nur das Ende einer Kette von Gesprächen, Überlegungen, Reisen und Verhandlungen. Zwischen der ersten Idee eines Wechsels und der offiziellen Verkündung liegen oft Monate, manchmal sogar Jahre, in denen sich Perspektiven, Marktbedingungen und persönliche Momente mehrfach verschieben können.
Der Vorlauf vor der Unterschrift
Der sichtbare Teil eines Transfers beginnt für die Fans meistens dann, wenn die Medien über ein Interesse oder einen Kontakt berichten. Die Clubs hingegen haben den Spieler zu diesem Zeitpunkt aber schon lange beobachtet, analysiert und intern diskutiert. Scouts, Analysten, Trainerstab und sportliche Leitung sammeln Eindrücke, prüfen Daten und überlegen, wie der Spieler in Kader, Spielstil, Budget und Mannschaftsgefüge passen könnte.
Parallel dazu oder anschließend beginnt die Kommunikation im Hintergrund. Berater und Vereine loten aus, ob grundsätzlich Interesse besteht, ob die Rahmenbedingungen denkbar sind und ob der Spieler sich einen Wechsel vorstellen kann. In dieser Phase finden viele lose Gespräche statt, die nie zu einem Angebot führen und daher selten öffentlich bekannt werden.
Wer wirklich mit am Tisch sitzt
Ein Transfer ist selten eine einfach Dreiecksbeziehung zwischen zwei Clubs und einem Spieler. An einem Wechsel sind häufig (wenn auch passiv) einige weitere Parteien beteiligt, die in der öffentlichen Berichterstattung keine Beachtung finden. Dazu gehören Familienangehörige, Anwälte, frühere Vereine, die mit Weiterverkaufsklauseln hantiert haben, Verbände und mehrere Abteilungen als nur die sportliche des aufnehmenden Vereins.
Juristen prüfen Vertragsentwürfe, klären Fragen zu Steuern, Arbeitsrecht und Bildrechten. Finanzabteilungen berechnen die Gesamtkosten aus Ablöse, Gehalt, Prämien und Nebenkosten. Personalabteilungen kümmern sich um die vertragliche Eingliederung. In besonderen Konstellationen spielen sogar Gerichte eine Rolle: Das Bosman-Urteil des Europäischen Gerichtshofs hat das Transfersystem in Europa grundlegend verändert und prägt bis heute die Spielräume bei ablösefreien Wechseln.
Ironischerweise ist der Spieler selbst in den meisten Fällen gar nicht bei allen Verhandlungsrunden dabei. In der Praxis verlaufen die meisten Gespräche ohne ihn, weil seine Berater und die Vereinsverantwortlichen die Rahmenbedingungen, Vertragsdetails, Zahlen und Szenarien vorbereiten. Die Rolle des Spielers ist die des Entscheiders. An den jeweiligen Entscheidungspunkten steht er dann doch wieder alleine dar und muss für sich die Entscheidung treffen, ob er das Projekt sportlich mitgehen möchte, ob er bereit ist, seinen Lebensmittelpunkt zu ändern und ob das Gesamtpaket, was er da unterzeichnen soll, in sich stimmig ist.
Mehr als nur Gehalt
In der öffentlichen Wahrnehmung besteht ein Vertrag als Laufzeit, Jahresgehalt und hin und wieder mal einer Ausstiegsklausel. Fairerweise muss man zugeben, das sind auch die einzigen Details, die den gemeinen Fan interessieren. Was hat der Spieler gekostet, wie lang bleibt er und wie viel können für ihn wieder bekommen, wenn er wechseln will? Ich denke, ich überrasche hier niemanden, wenn ich behaupte, die Verträge sind deutlich umfangreicher als diese drei Details. Sie enthalten Einsatzprämien, Tor oder Zu-Null-Boni, Loyalitätsboni, Aufstiegs- und Abstiegsregelungen, Verlängerungsbedingungen und Vereinbarungen zu Bildrechten und persönlichen Sponsorings. Solche Klauseln und Details dringen aber selten nach außen, und das ist kein Zufall. Da fällt mir ein, wie vor einigen Monaten eine Klausel im Ablösevertrag zwischen dem FC Bayern München und dem FC Barcelona ans Licht kam. Diese besagte, dass eine Bonuszahlung an den FC Bayern fällig wird, sollte Robert Lewandowski in seiner Debütsaison 2022/2023 beim FC Barcelona mehr als 25 Pflichtspieltore erzielen. Es dauerte also mehr als 3 Jahre, bis diese Bedingung der breiten Masse enthüllt wurde. Am Ende wurden es nur 23 Tore, da man beim FC Barcelona ihn explizit darum gebeten habe, keine Tore mehr zu schießen, um Geld zu sparen. Aber das ist ein anderes Thema.
Die Clubs haben jedenfalls kein Interesse daran, Einblicke in ihre Vertragsstrukturen zu geben, weil das ihre Position bei zukünftigen Verhandlungen schwächen würde. Wenn öffentlich bekannt ist, welche Bonusgrüßen ein Verein für Einsätze oder Tore bezahlt, könnten andere Spieler und deren Berater diese Zahlen direkt als Referenz für ihre Gespräche nutzen. Die Clubs schützen durch Diskretion ihre eigene Verhandlungsmacht, denn wer genau weiß, was andere verdienen oder welche individuellen Zusagen gemacht werden, kann das bei seinen eigenen Deals gezielt ausspielen. Außerdem sind viele dieser Klauseln sehr spezifisch und würden bei einer öffentlichen Kommunikation Rückschlüsse auf die interne Finanz-/Gehaltsstruktur und Hierarchie eines Kaders erlauben. Wenig verwunderlich, dass man so etwas lieber intern managen möchte als in der Öffentlichkeit.
Neben den ganzen sportlich relevanten Boni und Klauseln, kommen auch noch praktische Aspekte dazu, die selten im Arbeitsvertrag stehen, aber dennoch Teil der Verhandlungen sein können. Die Klärung der Wohnsituation, Schulplätze für Kinder oder Sprachkurse für die Familie können in Nebenverhandlungen geregelt werden. Dennoch sind diese nicht weniger wichtig, da es Instrumente sind, die dem Spieler Wertschätzung entgegenbringen können und auf der zwischenmenschlichen Ebene von einem Wechsel überzeugen können. Für die Headline am Ende interessiert aber nur Summe und Laufzeit. Für den Alltag des Spielers entscheiden aber manchmal genau diese Details darüber, ob ein Wechsel zustandekommen kann oder nicht.
Was meine Bachelorarbeit damit zu tun hat
Ich beschäftige mich im Rahmen meiner Bachelorarbeit intensiv genau mit diesem System und vor allem mit der Frage, wie die FIFA versucht, den Beratermarkt zu regulieren und warum das so viel schwieriger ist, als es klingen mag.
Erst 2022 hat die FIFA ihr neues Regelwerk für Spielerberater verabschiedet, das sogenannte „FIFA Football Agent Regulations“, kurz FFAR. Die Idee dahinter war klar: mehr Transparenz, eine Lizenzpflicht für Berater, eine prozentuale Deckelung der Provisionen und ein Verbot, bei einem Transfer gleichzeitig für beide Clubs tätig zu sein. Auf dem Papier klingt das alles einleuchtend und nach einer vernünftigen Ordnung für einen Markt, dem Ordnung lange fehlte.
Was dann aber passierte, hatte die FIFA wohl so nicht auf ihrem Zettel: Berater und ihre nationalen Verbände zogen in mehreren Ländern vor Gericht, darunter England, Deutschland und Spanien. In Deutschland untersagten gleich zwei Gerichte der FIFA die Anwendungen ihrer neuen Regeln. In England erklärten Schiedsrichter die Provisionsdeckelung für kartellrechtswidrig. Dies bedeutet in der Praxis, dass die FFAR in 3 der stärksten und wichtigsten Märkten der FIFA schlicht weg ungültig ist. Dies sah die FIFA dann ein und nahm die Regelungen Ende 2023 vorerst zurück, bis das endgültige Urteil des Europäischen Gerichtshofs vorliegt. Wann das sein wird, lässt sich kaum abschätzen. Bis dahin praktizieren Berater weiterhin nach den alten Regelungen, während die FIFA sehnsüchtig auf ein Urteil wartet, das zugunsten von ihr entscheidet.
Aber warum ist dieser Markt nun so schwer zu greifen? Zum einen ist der Beratermarkt ein globaler Markt und agiert weltweit, während die jeweiligen Rechtssysteme aber nun mal nationale Unterschiede aufweisen. Was die FIFA von Zürich aus vorschreibt, kann in Deutschland oder England an deren Wettbewerbsregeln scheitern oder auf verschiedene Weisen ausgelegt werden. Zum anderen ist der Markt selbst keine homogene Masse: Auf der einen Seite stehen große Agenturen, die prominenteste ist vermutlich CAA Stellar aus den USA, mit Hunderten Mandanten und riesigem Einfluss, auf der anderen stehen kleine Einmann-Büros, die 10 Spieler in der Regionalliga betreuen. Ein Regelwerk, was nun beide Seiten gleichstellt, trifft die Kleinen natürlich deutlich härter als die Großen. Eine Provisionsdeckelung für eine kleine Agentur kann existenzbedrohend sein und lässt das Pendel immer mehr in Richtung der großen Agenturen ausschlagen, bis die Kleinen irgendwann ganz aus dem Markt verdrängt werden. Unabhängig davon hängt die Wirkung dieser Regeln immer davon ab, ob und wie die nationalen Verbände sie umsetzen. Bis heute geschieht dies uneinheitlich.
Genau diese Spannung finde ich so interessant. Der Beratermarkt ist ein Bereich, in dem globale Ambitionen auf lokale Realitäten stoßen, in dem viel Geld im Spiel ist und trotzdem grundlegende Fragen über Transparenz und Fairness offen bleiben. Dort versuche ich in meiner Abschlussarbeit anzusetzen und mein Wissen, was ich mir dadurch aneigne hier zugänglich machen.
Berater zwischen Klischee und Realität
Das klassische Bild des Beraters, der nur auf maximale Provision schielt, ist weit verbreitet und auch nicht grundlos entstanden. Gleichzeitig blendet es aber zu viele Aufgaben aus, die gute Berater im Hintergrund übernehmen: Vertragsverhandlungen, Karriereplanung, juristische Expertise und manchmal auch emotionale und persönliche Begleitung in schwierigen Phasen.
Dieses Bild des geldgierigen Beraters kommt vermutlich durch die große mediale Aufmerksamkeit der bekannten Berater, die die Weltklassespieler betreuen. Von diesen gibt es aber nur sehr wenige, die durch die starke Konzentration des Marktes aber einen Großteil der Aufmerksamkeit erhalten. Ein großer Teil der Profis wird von wenigen Berater vertreten, weshalb die Provisionen entsprechend hoch sind. Was dabei dann oft unsichtbar bleibt, ist alles, was nicht im großen Rampenlicht der Champions League passiert: die kleinen Agenturen, in denen Berater mühsam Karrieren aufbauen, ein volatiles Einkommen haben und wo ein gescheiterter Spieler die ganze Agentur zerbrechen lassen kann. In den unteren Ligen sind die Summen natürlich kleiner, die Verantwortung, die die Berater für ihre Spieler haben, bleibt aber trotzdem dieselbe.
Den Blickwinkel ändern
Jeder Transfer erzählt immer seine eigene Geschichte. Wie viel davon dann am Ende ans Licht kommt, ist unterschiedlich. In der klassischen Medienlogik ist es aber immer die Geschichte von Ablösesummen, Loyalität, Verrat oder dem hoch dotierten Vertrag. Gräbt man ein bisschen tiefer, erkennt man hinter jedem Transfer ein komplexes Projekt, für das verschiedene Menschen aus ganz unterschiedlichen Abteilungen zusammenarbeiten und versuchen eine Lösung zu finden, die wirtschaftlich, sportlich und emotional zusammenpasst.
Mit diesem Beitrag decke ich keine großen Mythen der Fußballwelt auf. Mein Ziel ist es, die Perspektive zu wechseln und anzuregen, Transfers und die Arbeit dahinter nicht durch die Brille der reißerischen Schlagzeilen zu lesen und sich seine Meinung nach Instagram-Kommentarspalten zu bilden. Tut man dies, verpasst man einen großen Teil dessen, was dieses Geschäft so interessant macht.


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