Das war sie also, die größte Fußball-Weltmeisterschaft aller Zeiten. 104 Spiele, 48 Nationen, 1 Sieger, 2 Gewinner – und Millionen Verlierer?
Sportlich hat Spanien absolut verdient gewonnen, bezwang Argentinien um Altmeister Lionel Messi nach Verlängerung mit 1:0 durch das Tor von Ferran Torres und sicherte sich damit den zweiten WM-Titel nach 2010. Der eigentliche Sieger des Turniers steht aber nicht auf dem Rasen, sondern residiert in Zürich und hört auf den Namen FIFA.
Die Zahlen, die für sich sprechen
Fangen wir mal damit an, was am Ende immer zählt: dem Geld. Die FIFA wird aus dem Geschäftszyklus 2023 bis 2026 rund 13 Milliarden Dollar Einnahmen generieren, wovon etwa 8,9 Milliarden alleine auf die WM 2026 selbst entfallen. Man muss diese Zahl zwar differenziert betrachten, weil die Aufstockung auf 48 teilnehmende Mannschaften naturgemäß auch mehr Spiele, mehr Vermarktungsfläche und mehr Ticketverkäufe bedeutet. Aber selbst unter diesem Vorbehalt ist es nahezu eine Verdopplung im Vergleich zu Katar 2022. Die FIFA hat mit dieser WM bewiesen, dass sich ihr Produkt beliebig skalieren lässt, ohne dass die Nachfrage auch nur ansatzweise nachlässt.
Genau das ist auch der Punkt, der einen schon fast etwas deprimiert zurücklässt, wenn man diese Institution nur versucht, etwas kritisch zu betrachten: Die FIFA scheint nicht verlieren zu können, egal was sie tut.
Ein Land, ein Präsident, aber kein Skandal, der bleibt
Die Menschen haben das Produkt WM zu horrenden Ticketpreisen angenommen und sind bereitwillig in ein Land gereist, dessen politische Lage man vorsichtig als fragwürdig bezeichnen kann, angeführt von einem Staatsoberhaupt, das ebenso fragwürdig ist. Und dann kam der Moment, der eigentlich für einen handfesten Skandal hätte sorgen müssen: Als der US-Stürmer Folarin Balogun im Sechzehntelfinale wegen eines Trittes die rote Karte sah, rief Donald Trump persönlich bei FIFA-Präsident Gianni Infantino an, um eine Überprüfung der Sperre zu fordern. Wenige Tage später wurde die automatische Sperre tatsächlich aufgehoben – zum ersten Mal seit 1962, dass die FIFA eine Rote-Karten-Sperre bei einer Weltmeisterschaft rückgängig machte.
Infantino beteuerte danach zwar, die Justizorgane der FIFA seien unabhängig und würden autonom entscheiden, räumte aber im selben Atemzug ein, mit Trump telefoniert zu haben. Man muss sich das einmal vorstellen: Der Präsident eines Gastgeberlandes ruft den Chef der ausrichtenden Organisation an, und wenige Tage später wird eine Entscheidung, die laut FIFA-Reglement gar nicht anfechtbar war, plötzlich doch rückgängig gemacht. Kritiker sprachen von einem gefährlichen Präzedenzfall und der Frage, wohin die FIFA damit eigentlich steuert. Zu Recht.
Und was ist passiert? Kaum etwas. Ein paar Tage Empörung in den Medien, ein paar kritische Kommentare, und dann ging das Turnier einfach weiter, als wäre nichts gewesen. Die Proteste, die diese Einmischung eigentlich hätte auslösen müssen, blieben aus. Heute, wenige Tage nach dem Finale, redet kaum noch jemand davon.
Die Geschichten, die dieses Turnier trotzdem groß gemacht haben
Bei aller berechtigten Kritik muss man fair bleiben: Diese WM hat auch wieder wunderbare Geschichten geschrieben, wie es nur ein Turnier dieser Größe kann. Das Märchen der Kap Verde, die sich in ihrer allerersten WM-Teilnahme unbesiegt bis in die K.o.-Runde spielten und dem Titelverteidiger und späteren Finalisten Argentinien in der Runde der letzten 32 bis an die Grenze brachten, war einer der schönsten Handlungsstränge des gesamten Turniers. Norwegens fulminantes Comeback auf die große Fußballbühne nach jahrzehntelanger Abstinenz und der Auftritt des Inselstaates Curaçao, der sich als kleinste je qualifizierte Nation überhaupt für eine WM durchsetzte, zeigten einmal mehr, warum dieser Sport Millionen Menschen weltweit fasziniert.
Und dann war da noch die Art und Weise, wie Menschen aus aller Welt zusammen feierten, tanzten und friedlich für ihre Nationen die Stimme erhoben – ein Bild, das jedes Fußballherz höherschlagen lässt und Romantiker hoffen lässt, dass König Fußball sich vielleicht doch noch nicht ganz den Kommerzialisten und Investoren ergeben hat.
Zwei egozentrische Systeme, angeführt von zwei Selbstdarstellern
Leider ändert das alles nichts an der Grunddiagnose: Die USA und die FIFA sind zwei egozentrische Systeme, die derzeit von zwei der größten Selbstdarsteller der Gegenwart angeführt werden. Bezeichnend war die Pokalübergabe selbst, bei der Trump sich weigerte, aus dem Bild zu gehen, während die spanische Mannschaft ihren Titel feiern wollte, sodass Infantino ihn letztlich bitten musste, zur Seite zu treten. Vermutlich konnte er es einfach nicht ertragen, dass er in diesem Moment nicht selbst im Rampenlicht stand und die Bühne anderen überlassen musste.
Und dieser Reflex ist kein Einzelfall. Fast exakt ein Jahr zuvor, im selben Stadion, an derselben Stelle, hatte Trump bereits bei der Übergabe des Pokals der Klub-Weltmeisterschaft an den FC Chelsea dasselbe Verhalten gezeigt.
Infantino gewinnt wieder – und das konkurrenzlos
Für Gianni Infantino ist diese WM einmal mehr ein voller Erfolg, und die Zahlen geben ihm und seinen Ideen Recht, ganz egal wie man ethisch zu einzelnen Entscheidungen steht. Er wird bei der nächsten FIFA-Präsidentschaftswahl konkurrenzlos wiedergewählt werden und weiterhin mit freier Hand den größten Sport der Welt verändern und regieren können, ohne dass ihm ernsthaft jemand in den Weg tritt. Die FIFA muss sich um ihr Produkt keine Sorgen machen – die Menschen kommen, egal was passiert, egal wie teuer die Tickets sind, egal wie fragwürdig die politischen Begleitumstände sind.
Und deshalb lautet meine These schon jetzt: Die Boykottaufrufe für die WM 2034 in Saudi-Arabien werden buchstäblich wieder im Sande der arabischen Wüste verlaufen, genau so, wie sie es bereits in Katar 2022 getan haben. Die Fußballromantik wird bleiben, die Geschichten von Außenseitern wie Kap Verde werden weiter geschrieben werden, vielleicht ja sogar dann mit 64 Nationen. Aber am eigentlichen Machtgefüge, an der Frage, wer bei diesem Sport wirklich profitiert, wird sich nichts ändern. König Fußball hat sich den Kommerzialisten längst nicht ergeben. Er hat mit ihnen fusioniert.


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